Kultur

"Tatort München": Zwischen Wahnsinn und Methode

„Täter am Boden, Täter neutralisiert.“ Was wie das mit kalter Stimme gesprochene Ende einer schnellen Polizeiaktion klingt, ist erst der Anfang für den Münchner „Tatort: Unklare Lage“ (20.15, ORF2): Ein frustrierter Schulabbrecher erschießt in einem Linienbus einen Kontrollor.

Schnell wird der Flüchtende von Sondereinheiten gestellt und dabei eliminiert. Doch eine Frau meint, eine zweite vermummte Gestalt gesehen zu haben. Weil der Täter auch noch ein Funkgerät dabei hatte, stellt die leitende Ermittlerin Karola Saalmüller (Corinna Kirchhoff) die Frage: „Suchen wir offiziell nach einem zweiten Täter mit allem, was es da draußen auslösen wird?“

Nach dem Fund einer Bauanleitung für Nagelbomben auf dem Täter-Computer ist die Antwort klar … In der Stadt bricht Panik aus.

Amoklauf

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„Wir hier in München haben alle noch die Bilder von den tragischen Vorfällen beim OEZ vor Augen“, erzählt Drehbuch-Autor Holger Joos. Vor vier Jahren, mitten im exportierten IS-Wahnsinn, hatte ein Teenager, der Rechtsextremen nahestand, im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und dann sich selbst erschossen. Was neben der Tat noch schockierte, war das von Social Media, Medien-Meldungen und Non-Stop-TV-Bildern befeuerte Chaos. Ständig wurden angebliche neue Anschlagorte verbreitet, Videos geteilt und Verschwörungstheorien gesponnen.

Polizei-Perspektive

Der „Tatort“ macht deutlich, „was innerhalb eines Polizei-Apparates an einem Tag passiert, an dem ein Amoklauf stattfindet.“ Es gehe darum zu zeigen, „welche Mechanismen ablaufen, aber auch, was auf diese Menschen hereinbricht. Die Perspektive, die der Film erzählt, ist also fast ausschließlich jene der Polizei“ erläutert Joos.

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Das macht diesen BR-„Tatort“, von Krimi-Novizin Pia Strietmann inszeniert und von Produzent Michael Polle initiiert, ungewöhnlich: Das Motiv des Täters oder die Perspektive von Opfern spielen kaum eine Rolle. Selbst das Stammpersonal – Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl – agiert lange in einer Nebenrolle.

 

„Das ist unserem Anspruch nach Realismus geschuldet“, sagt der 48-Jährige. An so einem Tag würden ja auch noch andere Kollegen arbeiten und Resultate liefern. „Die Zuschauer verfolgen das sozusagen durch die Augen von Ivo Batic und Franz Leitmayr.“ Und wie die Beamten bleibt man vom umgehenden Wahnsinn nicht unberührt. „Ich finde es sehr spannend, die Zuschauer einmal in diese Lage zu versetzen und sie spüren zu lassen, was das alles auslöst.“

Nicht normal

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Der Film wirkt teilweise wie ein Echtzeit-Krimi mit hohem Tempo, teilweise kommt er einer Polizei-Doku nahe. Dazu passt, dass die SEK-Beamten von echten Polizisten gespielt werden. „Wir haben uns natürlich beraten lassen und versucht, die Vorgänge möglichst realistisch zu schildern. Einige sensible Aktionen haben wir aber bewusst abgeändert, um die Arbeit der Polizisten in der Realität nicht zu offenbaren.“

Der Anspruch der Macher an den „Tatort“ sei jedenfalls gewesen, „anders zu sein, ohne dabei Experimente oder gar Kunst zu machen“, sagt Joos. „Wir reizen das Format aus, es bleibt aber spannende Unterhaltung. Also ,Unklare Lage‘ ist sicher kein normaler ,Tatort‘.“

Hier geht's zur "Tatort"-Seite der ARD-Mediathek.