Kultur/Medien

CNN: Information statt Hype

Barack Obama zeigte sich vor einigen Jahren sehr bissig: "Normalerweise sind die einzigen Personen, die sich auf CNN als Journalisten ausgeben, Journalisten auf CNN." Der Witz des damaligen US-Präsidenten beim jährlichen White House Correspondents Dinner zielte auf den Show-Charakter des US-Senders, dessen Nachrichten manchmal aussehen wie Hollywood-Storys. Das mächtige CNN ist wegen seiner liberalen Schlagseite und seines Infotainment-Charakters beliebtes Ziel für Spott.

Dieses Image will der neue Chef des wohl bekanntesten News-Kanals der Welt nun ändern. Chris Lichts Karriere pflastert der Erfolg: Unter der Führung des 50-jährigen TV-Manns aus Connecticut erreichte die Frühstückssendung vom Kanal CBS einst historische Quoten, die Zuschauerzahl stieg kaum fassbare 50 Monate in Folge an. Als Verantwortlicher der "Late Show" mit Stephen Colbert machte Licht die Satire-Sendung zu einem der stärksten TV-Bollwerke gegen die Lügen und Absurditäten der Trump-Präsidentschaft. Licht gilt dabei als temperamentvoller und intensiver Veränderer. Das erste Ziel bei CNN: Das weltbekannte "Breaking News"-Banner des Senders deutlich sparsamer einzusetzen.

Doch das ist nicht die einzige Baustelle: CNN fuhr in den vergangenen Jahren eine klare Linie gegen Trump. Anders als die US-Satiriker aber übertraten Journalistinnen und Journalisten bei CNN ein ums andere Mal nach Meinung vieler die Grenze der seriösen Berichterstattung. Unter dem 2012 eingesetzten Licht-Vorgänger Jeff Zucker, der wegen einer nicht öffentlich gemachten Beziehung in der Firma gehen musste, hat der Sender mit zuvor ungekannter Emotionalität Quote gemacht.

Ernste Mienen statt Entrüstung

Nüchterne Nachrichten selbst bei monströsen Entwicklungen, ernste Mienen statt Entrüstung, Unparteilichkeit: Das bekamen CNN-Zuschauer in den Trump-Jahren nicht immer zu sehen. Starjournalist Jake Tapper sagte nach der Abwahl Trumps live on air: "Für zig Millionen unserer amerikanischen Mitbürger ist ihr langer, nationaler Alptraum vorbei." Und in den Jahren zuvor war Präsidentenreporter Jim Acosta aus Sicht vieler eher als Gegner Trumps denn als Berichterstatter aufgetreten.

Vielen Amerikanern sprachen die Nachrichtenmacher von CNN mit ihrer Haltung aus dem Herzen. Andere haben Sorge, dass der Sender die tief gespaltene US-Gesellschaft als eine Art Gegenentwurf zu Trumps Haus-und-Hof-Sender Fox News noch weiter auseinandertreibt - und bevorzugen nüchterne Fakten gegen Unwahrheiten.

Sinnbildlich erscheint dabei, dass Jeff Zucker Trump als NBC-Unterhaltungschef im Jahr 2004 selbst mit der Realityshow "The Apprentice" zum Star machte und in die Position brachte, sich für das höchste Amt der USA zu bewerben. Die "New York Times" veröffentlichte 2020 eine Karikatur, in der Zucker in einem Kontrollraum hilflos auf das übergroße Monster Trump starrt, das er selbst erschaffen hatte. Und auch im Wahlkampf 2016 räumten CNN und weitere Sender Trump und seinen Quote bringenden Auftritten mehr Zeit als Mitbewerbern ein.

Breaking News

Der Show-Charakter mit einem Design wie ein blinkender Flipper-Tisch war CNN als weltweit erstem großen News-Sender lange Zeit fremd. Hier setzt Chris Licht nun an: "Etwas, das ich von Leuten innerhalb und außerhalb der Organisation gehört habe, sind Beschwerden darüber, dass wir das "Breaking News"-Banner übermäßig verwenden. Ich stimme zu", schrieb er kürzlich in einem Memo an die CNN-Mitarbeitenden.

"Wir sind Wahrheitsverkünder, die sich darauf konzentrieren, unsere Zuschauer zu informieren, nicht zu beunruhigen." Das müsse sich in der Stimmlage des Senders spiegeln, so Licht. Der Aufwand, zuletzt aus allen Teilen der Ukraine zu berichten, wurde von einigen schon als Versuch gewertet, zu alten Nachrichten-Werten zurückzukehren.

Information statt Hype, so will Licht das alte CNN zurückbringen, wieder in Richtung Mitte der Gesellschaft steuern und vielleicht auch wieder glaubhafter für einige Teile der konservativen Amerikaner machen. Und wenn man einem Bericht der für gewöhnlich gut informierten Webseite "Axios" glaubt, könnte Licht mit Rückendeckung seiner Chefs von Warner Bros. Discovery auch weiter durchgreifen.

Der neue CNN-Chef wolle seinen polarisierenden Moderatoren, Reportern und Kommentatoren eine Chance geben, sich der neuen Linie anzupassen, berichtete "Axios" nach internen Quellen. Interviews und Programm dürften nicht mehr wirken wie PR-Stunts. Falls das nicht klappe, könnte Licht Konsequenzen ziehen: "Wenn sich Angestellte nicht auf einen weniger parteiischen Ton und eine weniger parteiische Strategie einstellen können, könnten sie abgesägt werden", mutmaßte der Bericht.