Kultur

Ernst Molden singt mit Ursula Strauss: "Ich bin ein Gschichtldrucker"

Ernst Molden sitzt, an einen umgestürzten Baum gelehnt, im Prater am Wasser unter einem „unzerkratzten Himmel“. Unzerkratzt, weil keine Flugzeuge. Gitarre (zerkratzt), Zigarettentabak und Notizbuch in Griffweite. „Mein Büro“ nennt er diesen versteckten Platz. „Hier sind mehr als 100 Lieder entstanden.“

Molden ist trotz Corona-Krise höchst aktiv. Eben hat er ein neues Album herausgebracht – „Wüdnis“, eine Sammlung von wienerischen Folk-Liedern, gemeinsam mit der Schauspielerin Ursula Strauss eingesungen. Am Montag stellen sie diese Lieder unter dem Titel „Wechselspiele: Ernst Molden und Ursula Strauss live in St. Corona“ in ORF2 (23.20 Uhr) vor – nur mit Moderatorin Teresa Vogl als Publikum. Aufgezeichnet wurde in St. Corona am Wechsel in der Felsenbar des Hotel Fernblick. Ja, wirklich.

Balkonkonzerte

Molden bereitet außerdem neue Platten mit dem „Frauenorchester“ und in der Formation mit Willi Resetarits, Hannes Wirth und Walter Soyka vor. Und er gibt jeden Sonntag und Mittwoch um 18 Uhr seine „Balkonkonzerte“ (Ecke Landstraßer Hauptstraße/Schrottgasse).

„Kommt’s auf eine Viertelstunde zu mir“, sagt er und lacht. „Die Polizei fahrt immer vorbei und grüßt freundlich.“ Inzwischen hören regelmäßig mehrere Hundert Menschen an den Fenstern und auf der Straße zu, die brav Abstand halten. „Endlich gibt es einen Grund dafür, dass die Landstraßer Hauptstraße so breit ist.“

Molden verdient mit diesen Konzerten kein Geld, aber er „muss“ spielen, wie er sagt, denn das ist „the real thing“. Echte Konzerte sind derzeit ja nicht möglich, 25 Shows wurden abgesagt.

Molden: „Ein bissl komme ich mir vor wie der Schnapsbrenner in Prohibitionszeiten in Kentucky, oder wie die armen Sexarbeiterinnen. Man ist plötzlich ein verbotenes Gewerbe und wird noch dazu von der Politik mit einem gerüttelt Maß an Ignoranz bedacht.“

Musikantenstrich

Molden hofft, dass Strukturen geschaffen werden, die Auftritte ermöglichen – „oder es wird einen illegalen Muskantenstrich geben.  Die Musik wird man nicht unterkriegen  können. “

Und auch „Liebe und Schmuserei“ werden sich auf Dauer nicht unterdrücken lassen. Molden: „Ich habe in der U-Bahn ein Paar gesehen, die haben es geschafft, unter den Masken zu schmusen, und Mund und Nase blieben dabei bedeckt – es war fast wie ein Ballett.“

Die Lieder für Ursula Strauss hat er geschrieben, „als wären sie Hundert Jahre alt“. Molden: „Man könnte jemanden, der so viel Glamour hat wie sie, auch mit Bigband produzieren. Aber wir wollten es reduzieren auf den Ur-Folk – eine Gitarre, zwei Stimmen. Durch diese Reduktion hat es in dieser Zeit eine schöne Relevanz.“

Heurigendirndl

Molden ist ein Fan von Strauss (und sie von ihm): „Sie hat keine Gesangs- oder Musical-Ausbildung, dem Herrgott sei Dank, sondern sie singt so, wie sie sozialisiert worden ist, als Dirndl aus der Wachau. Vielleicht ein Dirndl, das nach vier Spritzern auf den Heurigentisch springt und mit aufgerauter, leicht krähender Stimme Lieder singt.“

Jetzt greift Molden zu seiner zerschundenen Gitarre, und spielt ein Lied vor, an dem er gerade arbeitet: „Oh Maria“. Zu gezupften Folk-Akkorden erzählt er darin die düstere Geschichte einer Gesellschaft, die vor einer Epidemie auf einen Berg flieht. Ein Buntspecht klopft  spontan den Takt, und ein paar Enten quaken sehr schön mit.

„Ein Pestlied“, kommentiert er danach das Stück. „Ich sehe mich als Dichter, als Erzähler, als Gschichtl-drucker, auch wenn ich keine Romane mehr schreibe. Ein neuer Roman? Ich schreib lieber ein längeres Lied.“ Und dann erzählt er vom lieben Augustin und vom Kaiser Leopold I. (der mit der besonders langen Unterlippe), die er in einem neuen Song die Rollen tauschen lässt.

Fischamend

Auf dem Album mit Ursula Strauss hat er das Traditional „Deep River Blues“ übersetzt. Wo es im Original heißt „I’m going back to muscle shoals, times are better there I’m told“ singt Molden jetzt: „I foar bis nach Fischamend, weu mi durten kaner kennt.“

Ein typischer Molden, nicht nur wegen seines Lieblingsmotivs. Molden: „Wasser beruhigt mich so ... Ich mag die Stadt, aber ich muss immer diese Ausfransungen der Stadt finden.“

Molden tut sich schwer mit den geltenden Abstandsregeln, obwohl er sie sinnvoll findet. „Man macht einen Schritt auf einen Menschen zu, dann erstarrt man in Schuld und macht zwei Schritte zurück. Ich habe den Wunsch zur Nähe tief in mir, das wird gerade deutlich.“ Deshalb machen er und seine Musiker derzeit etwas, was sie schon „seit Jahren“ nicht mehr getan haben: Sie proben.  Weil das Proben Anlass für sozialen Kontakt bietet. Eh auf einen Meter Distanz.

Molden: „Man kann nicht zu leben aufhören und auch nicht zu fühlen.“