Kultur

Diagonale-Eröffnung: „Den österreichischen Film gegen den Strich bürsten“

„Sesselkleber“ wollen Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber auf gar keinen Fall sein. Aus diesem Grund legen die beiden Diagonale-Intendanten, die das österreichische Filmfestival seit 2016 geleitet haben, ihren Posten aus freien Stücken zurück. Die diesjährige Diagonale (bis 26. März) in Graz ist ihre Letzte, ab Juni folgen Claudia Slanar und Dominik Kamalzadeh als neues Intendanz-Duett nach.

Im Rückblick können Schernhuber und Höglinger trotz immenser Herausforderungen wie drei Jahre Pandemie und großen Umbrüchen innerhalb der Filmbranche eine durchwegs positive Bilanz ziehen. Die beiden Oberösterreicher sind als besonders junges Intendantenteam mit dem erklärten Vorhaben des „Generationendialogs“ angetreten. Diesen setzten sie aber nicht über eine eigene Nachwuchsschiene um.

„Wir fanden es gut, auch junge Stimmen in den Wettbewerb der Diagonale zu holen und gleichzeitig die Etablierten zu halten. Das ist uns gelungen“, zeigt sich Peter Schernhuber zufrieden. Ein besonderes Anliegen war es ihnen, das Festival verstärkt in der Stadt Graz zu verankern („Wir sind erklärte Graz-Fans“) und auch unterm Jahr mit Grazer Kulturinstitutionen Programm zu gestalten. Den Vorwurf, die Diagonale sei ein „Wiener Alien, das sich einmal pro Jahr über die Stadt stülpt“, so Höglinger, konnten sie ausräumen.

Alle Inhalte anzeigen

Besonders viel Freude bereitete den beiden der Gang in die Archive. In ihrer Programmierung legten sie großes Augenmerk auf die Präsentation von Filmgeschichte („Außerhalb von Wien kann man kaum historische Filme sehen“) wie etwa im Special „Österreich: zum Vergessen“, das sich mit den Waldheim-Jahren beschäftigte.

Diskussion zu #MeToo und Machtmissbrauch

Mit dem diesjährigen Eröffnungsfilm „Das Tier im Dschungel“ von Patric Chiha werden gleich entscheidende Fragen aufgeworfen auf: „Was ist der österreichische Film, wo wird er gemacht?“

Chiha, geboren in Österreich, lebt in Paris, sein Film ist international besetzt und auf Französisch: „Der österreichische Film spricht nicht nur Mundart“, so Schernhuber: „Gerade in Zeiten, wo es um die Renaissance von Authentizität geht, hält Chiha mit Künstlichkeit dagegen.“

Alle Inhalte anzeigen

Und Höglinger fügt hinzu: „Das heimische Kino hat eine große Breite zu bieten. Man sollte das Label des österreichischen Films gegen den Strich bürsten.“

Diese Forderung lässt sich anhand eines spannenden Programms überprüfen – von Franziska Pflaums Spielfilmdebüt mit Stefanie Reinsperger als Kassiererin („Mermaids Don’t Cry“) bis hin zu Rainer Frimmels Erinnerungen an Berta Zuckerkandl in „Emile – Erinnerungen eins Vertriebenen“.

Brennende Themen, die die Filmbranche zuletzt erschütterten wie (sexueller) Machtmissbrauch, Kinderrechte und #MeToo finden sich ebenfalls adressiert. Marie Kreutzers Film „Corsage“, der im Jahresrückblick läuft, kommt in Begleitung einer Präsentation, in der es um Kinderschutz geht.

Unter dem Titel „Feminists Perspectives“ wird diskutiert, wo die Filmbranche neun Monate nach der #MeToo-Welle steht.

Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger haben übrigens noch keine Pläne für ihre Zukunft. Sie gehen, sagt Höglinger lachend, „sehenden Auges in die Lebenskrise“.