Kultur/Buch

Vladimir Vertlib: Wo man Dobermänner namens Iwan trifft

Sie solle sich keine Sorgen machen, fliegen könne Wanjka noch, auch wenn er halb blind und ein Säufer ist. Die Sowjetunion in den 1950er-Jahren: Lina aus Leningrad ist, so wie alle anderen Studentinnen hier, „freiwillige“ Erntehelferin in Kasachstan, als sie eine Nachricht von Zuhause erhält: Dem Vater gehe es schlecht, sie solle sofort kommen. Sie macht sich unverzüglich auf den Weg. Dass sie die von einem einäugigen, kerosinsaufenden Kriegsveteranen gesteuerte Propellermaschine versäumt, ist vielleicht ein Glück, wird ihre Reise aber gewiss verzögern.

Vladimir Vertlib erzählt in „Heimreise“ von der jungen Jüdin Lina und deren Roadtrip durch ein riesiges Land, das vor Absurditäten und behördlichen Willkürlichkeiten strotzt, in dem sie aber auch berührende Begegnungen macht. Und solche mit Dobermännern namens „Iwan, der Schreckliche“.

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Vertlibs Buch ist von der realen Lebensgeschichte seiner Mutter inspiriert und ihr gewidmet. Dass es ein Roman und keine Biografie ist, erlaubt dramaturgische Kniffe und verhindert, der Mutter allzu persönlich nahetreten zu müssen. Vertlib wurde 1966 in Leningrad geboren, die Familie emigrierte 1971 nach Israel, kam nach diversen Stationen nach Wien. „Die Heimreise“ basiert auf Familiengeschichten und ist, trotz der Schikanen, denen Lina ausgesetzt ist, durchsetzt von viel jüdisch-russischem Humor. Und klingt streckenweise sehr aktuell.