Kultur

Anna B Savage: "Die Gesellschaft geht grausam mit Singles um!"

„Eigentlich untergräbt mein Leben gerade, was ich da erzähle.“ Mitten im KURIER-Interview über ihr jüngstes Album „in/FLUX“ muss die britische Musikerin Anna B Savage lachen. Gerade hat sie sich daran erinnert, dass sie jetzt wieder in einer Partnerschaft ist. „in/FLUX“ dreht sich aber darum, sich aus einer zu lösen und als Single glücklich zu sein.

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„Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass ich gerne alleine lebe“, sagt sie. „Von der Gesellschaft wird dir aber immer suggeriert: Du musst einen Partner haben. Aber man kann jemanden lieben und auch gerne mit ihm zusammen sein, aber nicht eine Beziehung mit ihm führen wollen. Diese scheinbar widersprüchlichen Emotionen können durchaus gleichzeitig existieren. Und um diese Dualität geht es in den neuen Songs.“

Verpackt hat die Tochter einer professionellen Klassik-Sängerin diese Themen in wunderbare Songs mit Singer/Songwriter-Sensibilität, denen sie häufig mit unkonventionellen Arrangements, elektronischen Verfremdungen oder Bläsern und eingespielten Naturgeräuschen eine emotionale Tiefe gibt, die sofort einnimmt und Savages charakterstarke, zerbrechliche Stimme in den Fokus rückt.

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Der erste Teil von „in/FLUX“ beschreibt dabei eher den inneren Kampf, den diese Dualität auslöst, die Sehnsucht nach dem Ex, denn fortdauernden Eindruck einer großen Liebe weit über das Ende der Beziehung hinaus. „Diese ersten Songs fühlen sich neurotischer an“, sagt die 32-Jährige. „Der zweite Teil beschreibt dann die Phase, wo ich mehr und mehr dahin komme, dass ich weiß, was ich will und mich - egal, was von außen kommt - gut damit fühle.“

Nur am Rande geht Savage in den Songs auf die vielen gesellschaftlichen Diskriminierungen von Singles ein. Im Gespräch aber ist schon allein an ihrem Tonfall zu hören, wie sehr sie gewisse Dinge aufregen: „Wenn ich zum Beispiel mit Freunden auf Urlaub in ein Ferienhaus gefahren bin, war ich immer die, die auf der Couch schlafen musste, weil die Doppelbetten wie selbstverständlich für die Paare waren. Es ist auch viel, viel schwerer als Single Kredite für eine Wohnung zu kriegen. Und im Restaurant geben sie dir sicher den schlechtesten Tisch, wenn du alleine reinkommst. Die Gesellschaft geht grausam mit Singles um.“

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Es geht aber in den Song nicht nur um den Konflikt zwischen Single-Dasein und dem Wunsch zu lieben und geliebt zu werden, sondern auch um örtliche Dualität: „Ich habe zwei Jahre in Kanada gelebt, habe dort sehr enge Freunde, die ich liebe und die mich lieben. Ich vermisse sie jeden Tag. Gleichzeitig habe ich in England meine Familie, die ich genauso liebe. Es war schon ein Prozess, das so zu sehen, dass es eigentlich unglaublich schön ist,  zwei Orte auf der Welt zu haben, wo ich zuhause bin und mich wohl fühle.“

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Das verarbeitet Savage in dem letzten Song „The Orange“, der nach einem Gedicht von Wendy Cope benannt ist. „Literatur ist nach der Musik meine zweite große Liebe und ich beziehe mich in meinen Songs gerne darauf. Bei ,The Orange‘ hatte das Gedicht aber keinen Einfluss auf den Song. Der war fertig, als ich es wieder einmal gelesen habe, und ich fand, dass der Song, der damals anders hieß, das gleiche Feeling hatte. Deshalb stellte ich ihn an den Schluss des Albums. Nachdem die Songs davor ohnehin so voll von Konflikten und Spannungen sind, ist das ein versöhnlicher positiver Abschluss. Ich sage damit: Nach all den Jahren, in denen ich mit Therapie und vielen anderen Mitteln an mir und meinen Selbstzweifeln gearbeitet habe, bin ich jetzt zufrieden und fühle mich das erste Mal wohl auf dieser Welt.“