Kiku

Opfer oder A... loch? Das ist hier die Frage

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Chorische von verteilt mitten im Publikum sitzenden Schauspieler_innen wird Artikel 1 der am 10. Dezember 1948 von der Uno beschlossenen allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zitiert.

Und dann kommt in „Unter Opfern! Eine Theaterrevue zum Mitreden“ ein Typ auf die Bühne, der relativ aggressiv das Publikum aufforderte nun vier Minuten lang mit ihm alles machen zu können, was es wolle, ihn beschimpfen, attackieren oder was auch immer. Dieser Monolog aus dem Stück „Erste Stunde“ wird bei den Vorstellungen unterschiedlich aufgenommen. Die Reaktionen reichen von „Bussi“ und nur zögerlichen Beschimpfungen nach weiteren „na traut euch oder seid ihr Weicheier“ bis zu Schuhen, die auf ihn geworfen werden. Nach dieser Einleitung spielen er und sechs weitere Schauspiel-Studierende des zweiten Jahrgangs der Anton-Bruckner-Privat-Uni (Linz) Szenen in denen es um Gewalt geht. Der Bogen reicht von der verbalen, diskriminierenden über Cybermobbing und sexueller Gewalt bis zu körperlichen Attacken - samt einer Schar Handy-Filmender. Und trotz der einfach erscheinenden (Auf-)Teilung in Opfer oder Arschloch wird einerseits angespielt, dass so manche Täter_innen vielleicht früher - oder in andere Bereichen - auch Opfer sein können. Und andererseits nicht aus einer über den Dingen stehenden Perspektive der „eh Guten“ gespielt.

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Opfer oder Arschloch“ fällt mehrmals als Devise zur Entscheidung, auf welcher Seite jemand steht. Ein wichtiges Element wird mehrmals angesprochen: Dazu gehören wollen, samt dem genialen Spruch von Gehör-Schaden - Dazugehör-Schaden. Oder auch die Assoziation jemandem gehören.

Die ¾-stündige Phase unterschiedlichster Gewalterfahrungen knüpft an reale Erlebnisse vor allem von Kindern und Jugendlichen an wie sie die Studierenden recherchiert haben. Doch sie ist „nur“ Ausgangspunkt für anschließende Diskussionen mit dem Publikum. Als Impuls dafür hat Robert Misik, der gemeinsam mit Peter Wittenberg die Theaterrevue inszeniert hat, Expert_innen aus verschiedensten Bereichen eingeladen. Jeweils ein Trio gibt Input.

Einigkeit herrschte weitgehend: Die Art des einleitenden Stücks berührt vor allem Jugendliche sehr und sicher mehr als so manche pädagogische Einheit zum Thema Gewalt, Mobbing...

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Als der fünfjährige Martin keine Schuhe bekam...

Martin Luther King“ von Urban Myth (Niederlande): Solidarischer Widerstand einer großen Gruppe von Opfern

Stell dir vor, du bist kein sechs Jahre alt, dein Vater will dir vor deinem ersten Schultag schöne Schuhe kaufen und ihr werdet aus dem Geschäft geschmissen. Sogar mit der Polizei wird gedroht. Und warum? Weil der Verkäuferin deine und deines Vaters Hautfarbe nicht gefällt. Nein, es geht nicht darum, was ihr gefällt. Es ist Gesetz. Sie darf das sozusagen.

Keine erfundene Geschichte. Sondern wahr und erlebt im August 1934 von Martin Luther King. Dies ist die erste Station des nach dem 1968 ermordeten bekannten Bürgerrechtskämpfers genannten Stücks der niederländischen Gruppe Urban Myth. Und die erste, in dem die Gruppe fragt, ob jemand aus dem Publikum, idealerweise ein Kind, in der Wiederholung dieser Szene in die Rolle des jungen Martin schlüpfen will.

Und in der Martins Bühnenvater die Verkäuferin fragt, ob sie sich vorstellen könne, wie es wäre, wenn sie einfach aufgrund ihrer blauen Augen genauso behandelt würde, wie sie es nun mit den beiden Kings macht. Übrigens die Volksschullehrerin Jane Elliott hat nach der Ermordung Martin Luther Kings das Experiment „blue eyes, brown eyes“ erfunden, um ihren Schüler_innen hautnah vermitteln zu können, wie Diskriminierung aufgrund eines willkürlich ausgewählten Merkmals wirkt.

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Ziviler Ungehorsam

Urban Myth erzählt die Geschichte von MLK mit dieser und zwei weiteren Stationen seines Lebens und gleichzeitig des Widerstands der unterdrückten Schwarzen in den USA. Eine große Gruppe von Opfern. Nicht alles gefallen lassen, solidarischer, gemeinsamer Widerstand. Gegen das Sitzverbot dunkelhäutiger Amerikaner in Bussen setzte sich zuerst Rosa Parks nieder. Und als ihr das verboten wurde, boykottierten viele die Busse, gingen zu Fuß oder organisierten Mitfahrgelegenheiten. Einer der Höhepunkte des zivilen Ungehorsams war der Marsch auf die US-Bundeshauptstadt an dem gut eine Viertelmillion Bürger_innen, darunter ca. ein Viertel Weiße, teilnahmen. Ein Jahr später wurde die gesetzlich verordnete Rassentrennung aufgehoben.

Im Stück, dessen Szenen von einer Live-Band begleitet, untermalt, hervorgehoben werden, kommt es immer wieder zu Momenten, wo sozusagen ein Regisseur Schauspieler_innen bittet, etwas anders, ausdrucksstärker darzustellen. In einer solchen herrscht er die Coretta-King-Darstellerin, ihren Aufruf zur Teilnahme an der Demo mehrmals zu wiederholen. „Oder glaubst du, dass so jemand mitmachen würde?“ - Ein vielkehliges, spontanes „Jaaaaa!“ kam - bei jener Aufführung, die der KiKu-Reporter erlebte, aus dem Auditorium gefolgt vom massenhaften Aufstehen. Sitzreihen leer, Bühne bevölkert. Und nun lauschen alle MLK auf einem hohen Podium und der Wiedergabe jener berühmten Rede 1963: „I have a dream...“ in der es unter anderem heißt: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“

Infos: Was? Wer?

Unter Opfern
Realitätstheater zum Mitreden
Anton Bruckner Privatuniversität (Österreich)
Ab 12 Jahren; ¾ Stunde Performance + Diskussion

Regie: Robert Misik, Peter Wittenberg
Darsteller_innen: Lukas Franke, Maja Grahnert, Sophie Kirsch, Nikolaj Klinger, Nicolas Laudenklos, Lorraine Töpfer, Stella Wiemann
Choreografie: Aleksandar Acev
Für die Diskussion sind unterschiedliche Podiumsexpert*innen geladen
Laura Wiesböck (M.A., Universität Wien), Dr. Richard Schneebauer (Männerberatungsstelle Linz), Mag. Wolfgang Kitzmantel (Betreuungslehrer NMS 17)

Tom Pohl (Pro Mente), DSA Mag.a (FH) Petra Reinthaler-Resch (Soziale Stadtteilarbeit, Leitung Stadt Linz), Dr. Andreas Rabl (Bürgermeister Wels)

Mag.a iur. Berivan Aslan (Ex-Nationalratsabgeordnete, Die Grünen), Josef Landerl (Neustart), Iris Hanousek-Mader (Diakoniewerk Gallneukirchen, Theatergruppe MALARIA)

DSA Mag.a (FH) Petra Reinthaler-Resch (Soziale Stadtteilarbeit, Leitung Stadt Linz), Mag.a Dagmar Andree (Vorsitzende Frauenhaus Linz), Muamer Becirovic (Blogger, Buchautor und Ex-Vorsitzender der JVP-Wien 15), Christine Wally-Biebl (Dipl. psychosoziale Beraterin, Rainbows-Gruppenleiterin)

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Martin Luther King
Urban Myth (Niederlande)
Ab 11 Jahren; eine Stunde

Text & Regie: Jörgen Tjon A Fong
Darsteller_innen: Imanuelle Grives, Rosa da Silva, Viktor Griffioen
Musiker: Jean Felipe Ansjeliena, Gianni Noten, Timothy Bennet Wongsosemito
Dramaturgie: Corien Baart
Bühne: Koen Stegers
Kostüme: Jantine Kraaijeveld
Lichtdesign: Coen van der Hoeven