Leben

Schauspieler Sebastian Koch: "So draufzuhauen ist ärgerlich"

Es ist kurz vor elf Uhr. In wenigen Sekunden wird ein Weltstar in meinem Wohnzimmer erscheinen. Sebastian Koch, Star aus dem oscar-prämierten Film „Das Leben der Anderen“, der auch in „The Danish Girl“ oder „Nebel im August“ brilliert hat. In letzterem spielt er ebenso wie in seinem jüngsten Film „Werk ohne Autor“, einen  Arzt, der das Euthanasieprogramm der Nazis konsequent durchzieht. Herr Koch beehrt mich zwar nur via Skype, aber immerhin.
Er ist für die Rolle des Carl Seeband in „Werk ohne Autor“ als „Bester Schauspieler“ für die KURIER ROMY 2019 nominiert. Es wird drei nach elf,  fünf nach elf, sieben nach elf ...  Plötzlich erscheint ein Smiley auf meinem Bildschirm, verbunden mit der Frage: „Geht’s auch um 11:20 Uhr?“ Das geht! Punkt 11:20 Uhr erscheint Kochs Oberkörper auf meinem Laptop, samt sehr sympathischen Lächeln. Da hat er Carl Seeband, mit dem ich gerade drei Film-Stunden verbracht habe, einiges voraus.

Herr Koch, vor zehn Minuten habe ich „Werk ohne Autor“ zu Ende gesehen. Sie spielen ein Ekel und ich muss gestehen, dass ich im Moment gewisse Vorbehalte gegen Sie hege.

Das nehme ich jetzt mal als Kompliment ... Es ist ja das Wesen eines Schauspielers, dass er versucht eine Rolle so authentisch wie möglich zu spielen. Zu Shakespeares Zeiten hat man noch am Bühnenausgang auf den Bösewicht gewartet und ihn verprügelt, das hat sich Gott sei Dank verändert.

Ich hoffe, das mussten Sie nie erleben.

Also verprügelt hat mich noch keiner. Ich lasse mich, was meine Rollen betrifft nach wie vor  nicht in eine Schublade stecken. Ich mochte das Drehbuch von „Werk ohne Autor“ sehr. Es ist  aus meiner Sicht ein extrem wichtiger Film über einen Überzeugungstäter, einen brillanten Kopf, der diszipliniert für die falsche Sache kämpft.   

Können Sie für Ihre Film-Bösewichte, wie auch Carl Seeband einer ist, eigentlich Sympathie empfinden?  

Sympathie ist in dem Fall vielleicht das falsche Wort, aber natürlich muss und möchte ich ihn verstehen. Auch ein Mensch wie Seeband hat eine Vorgeschichte, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Es geht für mich nicht darum, Sympathie zu entwickeln. Um mich den Figuren, die ich verkörpere, zu nähern, brauche ich aber in jedem Fall Empathie. Ich muss mich in sie hineinversetzen können, um zu erfahren, wie sie ticken. Das ist ein absolut kreativer, aber auch psychologischer Prozess, der mir gerade in diesem Fall viel Spaß gemacht hat. Ich glaube ja, dass jeder so einen Seeband in seinem Leben hat, sei es ein Chef oder ein Vater – eine Autoritätsperson – einen Menschen, an dem man nicht vorbeikommt, sondern sich an ihm aufreibt. Das beschreibt dieser Film so wunderbar.

Sie haben das Drehbuch vor rund drei Jahren zum ersten Mal gelesen. Wann ist ein Film für Sie abgeschlossen?

Für mich war dieser Film mit der Oscar-Nacht abgeschlossen. Wie schön, ein zweites Mal nominiert zu sein und nach zwölf Jahren noch einmal dazusitzen und diese Spannung zu erleben (Anm.: Auslands-Oscar für „Das Leben der Anderen“ 2006). Ich bin seit vergangenem Juni für den Film unterwegs und habe gemeinsam mit Florian (Anm.: Regisseur Henckel von Donnersmarck) alles diesem Werk untergeordnet. Jetzt kann etwas Neues kommen.

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War es Ihnen ernst, als Sie nach der heftigen Kritik an „Werk ohne Autor“ gesagt haben: „Man hat immer weniger Lust, hier zu arbeiten“? 

Naja, ich finde es immer schwierig, wenn Kritik in einer sehr emotionalen Weise geäußert wird und man merkt, dass es mit der Sache nicht mehr viel zu tun hat. Florian scheint in Deutschland tatsächlich eine Reizfigur zu sein. Trotzdem muss man Werk und Autor unterscheiden. Das Projekt ist in Gänze sehr klug durchdacht, ein hochintelligenter Film. Alles über einen Kamm zu scheren und so draufzuhauen, wie das drei, vier Journalisten in Deutschland gemacht haben, von denen wiederum andere abgeschrieben haben, ist  ärgerlich und schade. Natürlich soll auch Kritik ihren Platz haben, dann aber bitte sachlich und mit Bezug!  

Die KURIER ROMY würdigt „Werk ohne Autor“ und Ihre schauspielerische Leistung mit Ihrer Nominierung als „Bester Schauspieler Kino/TV-Film“. Tröstet das ein bisschen über die Kritiken hinweg?

Ich finde das wunderbar! Eine Nominierung ist eine große Anerkennung für eine Arbeit, die man macht und wird nie langweilig! Ich suche meine Projekte sehr sorgfältig aus und stecke viel Leidenschaft in meine Arbeit. Wenn das dann anerkannt wird, ist das immer eine Freude.

Was denken Sie: Wie hoch stehen Ihre Chancen, zu gewinnen?

Ich habe keine Ahnung, aber es ist schön, wieder nominiert zu sein. Mal gucken!

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Wissen Sie eigentlich, dass ich fast täglich mit Ihnen einschlafe?

Verraten Sie mir mal, wie das geht.

Mit  einer Meditations-App, auf der Sie Einschlaf-Geschichten vorlesen.

Als ich das zugesagt habe, dachte ich, dass ich da wirklich schöne und tolle Geschichten auf Englisch und Deutsch
vorlesen kann. Dann wurde ich aber gebeten, nicht dramatisch zu lesen, sondern eher monoton. Mein Gedanke war: „Wozu nehmen die überhaupt einen Schauspieler?“ Die App funktioniert aber irrsinnig gut, wird immer populärer. Wie geht es Ihnen damit?

Sehr gut, ich habe „Rapunzel“ noch nie zu Ende gehört und schlafe immer ein.

Das ist ja eigentlich die größte Niederlage für einen Schauspieler, wenn das Publikum einschläft (lacht). Aber hier ist der Sinn der Sache, die Texte meditativ, fast langsamer werdend zu lesen. Es geht vorrangig um das Einschlafen, und nicht das Hören von Geschichten. Für mich als Schauspieler eine enorme Umstellung, da ich gewohnt bin, Zuhörer möglichst an die Spannung der Geschichte zu fesseln.

Ich würde mich als Macher so einer App allerdings nicht trauen, einen international gefragten Star wie Matthew McConaughey oder Sie zu fragen, Einschlaf-Geschichten vorzulesen.  

Wieso nicht? Wir arbeiten alle auf so einem hohen Level, dass Entschleunigung ein großes Thema unserer Gesellschaft ist. Das interessiert mich sehr. Wenn ich Menschen, die sonst große Schwierigkeiten haben einzuschlafen, dabei helfen kann, ist das doch eine tolle Sache!

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Apropos hoher Level: „Bridge of Spies“  mit Steven Spielberg, „Die Hard“ mit Bruce Willis, die US-Erfolgsserie „Homeland“: Warum haben Sie den endgültigen Sprung in die USA nie gewagt?  

Das hatte für mich nichts mit wagen zu tun. Ich fühle mich einfach wohl hier. Die Amerikaner kommen ohnehin meistens zu uns. Spielberg hat hier gedreht, „Danish Girl“ fand in England statt, „Die Hard“ in Budapest. Ich habe viele Freunde in Berlin, gehe dort gerne aus und mag den Geist dieser Stadt. Deshalb habe ich keinen Bedarf, nach L. A. zu ziehen. Ich bin aber dort, wo es gute Arbeit gibt. Nach drei, vier Monaten fahre ich wieder nach Hause.

Sie sind einer der wenigen Schauspieler, die sich immer wieder längere Auszeiten nehmen. Hatten Sie nie Angst vor einem Karriere-Knick?

Das ist ’ne gute Frage, weil ich in meinem Umfeld merke, dass diese Angst dort häufig grassiert. Ich hab’ das überhaupt nicht. Erstens habe ich keine große Entourage um mich und brauche nicht sehr viel Geld. So bin ich finanziell relativ unabhängig. Ich war auch immer der Meinung, dass ich nicht verhungern werde. Dann spiele ich halt Gitarre oder mache etwas anderes.

Ihre Bio verrät, dass Sie sehr  musikalisch sind, Trompete, Gitarre ...

Ich habe früher Straßen-Musik gemacht und übe meinen Beruf ganz generell nicht in erster Linie wegen der Karriere aus. Wenn ich keinen Spaß mehr daran habe, hör ich eben auf.  

Das sagt sich so leicht.

Einfallen würde mir immer was, das ist nicht der Punkt. Nach einer längeren Pause fange ich aber gerade wieder an, Lust aufs Spielen zu kriegen ...
Sie haben viele Nazis gespielt. Brauchen Sie davon jetzt einmal eine Pause?

Professor Seeband ist vielleicht das Meisterstück, was diese Art von Rollen angeht. Privat habe ich mit diesen Figuren nicht allzu viel zu tun und jetzt große Lust auf Dinge, die näher an mir dran sind. Es gibt zwei reizvolle Angebote. Was es ist, kann ich noch nicht verraten, weil die Verträge noch nicht unterschrieben sind.

Warum hat es fast zehn Jahre gedauert, bis Sie wieder mit Florian Henckel von Donnersmarck gedreht haben? Seine Filme sind Ihre erfolgreichsten.

Florian hat dazwischen nur „The Tourist“ gemacht. Da war keine Rolle für mich dabei. Grundsätzlich arbeite ich aber gerne mehrfach mit Regisseuren zusammen, weil man auf etwas aufbauen kann.

Nach den Kritiken an „Werk ohne Autor“ waren Sie nicht gut auf die Presse zu sprechen. Geben Sie gerne Interviews?

Das gehört – manchmal muss man sagen leider – zu meinem Beruf. Und man will einen Film, den man so mag, auch bewerben. Ich bin aber auch immer ein Zweifler. Letztlich sollte ein Werk immer für sich sprechen. Ist das der Fall, müsste man eigentlich keine Interviews geben.

Das wäre schade. Dann könnte ich Sie nicht fragen, warum der Maler Gerhard Richter, der in „Werk ohne Autor“ so wohlwollend porträtiert wird, sich Ihrer Meinung nach  nicht so wohlwollend über den  Film geäußert hat?

Also meines Wissens hat er den Film gar nicht gesehen. Was er gesehen hat, ist der Trailer, den er als reißerisch empfand. Das halte ich aber für ein Kompliment, weil das Wesen eines Trailers nun mal reißerisch sein muss. Und dem „New Yorker“ gegenüber hat er geäußert, dass er sich nicht äußern will. Das war’s! Warum es diese Zurückhaltung gibt, weiß ich nicht. Ich finde das schade, aber das ist seine Entscheidung.

Sie streben also nicht an, sich einmal einen Richter zu kaufen?

Ich würde mir sofort einen Gerhard Richter kaufen – allein ich bin weit davon entfernt mir das leisten zu können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Gesund zu bleiben. Das klingt zwar saublöd, aber es ist das Einzige, was ich mir wirklich wünsche.

Ein dritter Film mit Henckel von Donnersmarck wäre toll. Oder haben Sie vor, wieder elf Jahre zu warten?

Warte mal (lacht)! Das wäre nach 2007 und 2018 im Jahr 2029. Da bin ich 66. Naja, es gibt auch attraktive Großväter!

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