Leben

Frauenheld, Filmstar, Finsterling

Wie gern wäre er 100 Jahre alt geworden! Barbara, heute 88, war Franks vierte und letzte Ehefrau, vom 11. Juli 1976 bis zu seinem Tod am 14. Mai 1998. In ihrem Vorwort zum aktuellen Prachtband Frank Sinatra – Bilder seines Lebens (Knesebeck-Verlag) verrät sie: „Er hätte es höchst amüsant gefunden, entgegen aller Erwartungen so lange zu leben.“ Nun, der Entertainer des Jahrhunderts hatte im Spätherbst seines irdischen Daseins gelassen bilanziert: „Man lebt nur einmal, aber bei meiner Art zu leben, ist einmal genug.“ Einen Anflug von Einsicht, wenn auch schon bedenklich nahe dem Einsendeschluss, birgt sein Satz: „Wenn ich gewusst hätte, wie lange ich lebe, hätte ich besser auf mich aufgepasst.“ Für die gut sieben Jahrzehnte davor galt nämlich Raubbau on the Rocks: „Ich werde aufhören zu trinken und zu rauchen – aber nur unter der Dusche.“ Humor extradry kam ihm flüssig über die Lippen: „Mir tun Menschen leid, die nichts trinken, weil sie sich den ganzen Tag nie besser fühlen als am Morgen.“ Am Sterbebett im Cedars-Sinai-Hospital von Los Angeles flehte ihn Barbara an: „Kämpfe!“ Und The Voice (Spitzname Nr. 1) antwortete: „Ich verliere.“ Eine Lungenentzündung und der zweite Herzinfarkt binnen weniger Monate gewannen. Ihm zu Ehren erloschen in Las Vegas für drei Minuten alle Lichter der Stadt und das Empire State Building von New York erstrahlte für Ol’ Blue Eyes (Spitzname 2) ganz in Blau.

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Als der Chairman of the Board (Spitzname 3) mit Dean Martin (im Bild oben) und Sammy Davis jr. 1988 während ihrer weltweiten Together Again-Tour von einem Reporter gefragt wurde, ob sie das nun alljährlich machen würden, hatte ihm der reife Frankie Boy (Spitzname 4) beschieden: „Das einzige alljährliche Ereignis, auf das wir noch hoffen können, ist der Geburtstag.“ Apropos Geburtstag – zurück zu Barbaras Vorwort für Daddy (Spitzname 5): „Was für eine Riesenparty er veranstaltet hätte! Keiner gab Partys wie er! Jack Daniels, Martini und Champagner wären geflossen, serviert von weiß behandschuhten Dienern. Dazu hätte es bestes italienisches Essen gegeben, Pizza und Pasta, gefolgt von New Yorker Cheesecake. Frank wäre mit Schürze und Knoblauch in der Hand am Herd gestanden, hätte die Spezial-Tomatensauce seiner Mutter Dorothy gekocht und hätte persönlich darauf geachtet, dass die Gläser nie leer blieben. Seine Großzügigkeit kannte keine Grenzen. Er gab immer lieber als er nahm. Geschenke zu bekommen, war ihm unangenehm.“ Und vor allem: Was schenkt man einem Mann, der schon alles hat? Einer seiner besten Buddys, TV-Comedian und RatPack-Mitglied Don Rickles, meinte einmal: „Frank steht morgens auf und Gott bewirft ihn mit Geld.“
Ehe Francis Albert Sinatra, geboren am 12. Dezember 1915 in Hoboken/New Jersey, mit weißen Orchideen um die Hand Barbaras angehalten hatte, war er freilich mit weit weniger romantischen Onelinern aufgefallen. Etwa: „Das Einzige, was sich an einer Frau durch die Ehe ändert, ist ihr Name.“ Oder: „Keiner hat eine Vorstellung von Glück, bevor er nicht verheiratet ist, aber dann ist es zu spät.“ Und schließlich, fast schon versöhnlich: „Ich bin in einem Alter, in dem ich mir meine Witwe sehr genau aussuchen sollte.“ Fast scheint es, als hätte der notorische Womanizer dank Barbara seinen Frieden mit den Frauen gemacht. Sie schwärmt noch heute, dass sie sich „keine Sekunde langweilte“ und dass er ihr zu Hochzeits- und Geburtstagen stets im ganzen Haus Liebesbriefe hinterließ, immer unterschrieben mit: „Your Italian Lover.“

Die atemberaubende Anziehungskraft, die Frank Sinatra auf Frauen wie Männer ausübte, ließ Freund und Feind zeitlebens rastlos rätseln.
Sein erster Bandleader, Harry James, meinte Mitte der 1930er über den blutjungen Beistrich von einem blassen Barden (1,70 m): „Er sah aus wie ein nasser Lappen, aber er hielt sich für den Größten.“ Benny Goodman erinnerte sich: „Er wog höchstens 50 Kilo, zehn davon allein die Haartolle.“ Doch wenn er sang, kreischten die Mädchen mit den weißen Söckchen in den Sandalen (Bobbysoxers). „Sie ließen ihre Tanzpartner stehen und versammelten sich vor ihm. Er war so dünn, dass ihn der Mikroständer verdeckte“, schrieb ein Kritiker. Ein Barbesitzer meinte voll Wonne der Empörung „Was seine Stimme mit den Frauen anstellt, ist unmoralisch“ und verpflichtete ihn für Monate. Der renommierte New Yorker stellte fest: „Für Sinatra ist ein Mikrofon wie eine Frau, die geküsst werden will.“ Und ein Filmrezensent analysierte: „Der schmächtige, unschöne Schnulzenheini hat ein unglaubliches Gespür für Blicke, Gesten und Stimmfärbung, aus denen Zärtlichkeit, Unsicherheit, Schwäche, Erschöpfung und Verzweiflung sprechen – eine liebenswerte Unzerstörbarkeit.“ Shirley MacLaine beobachtete ihn gern in Gesellschaft echter Gangster: „Das waren Männer, die andere umbrachten, wenn sie wollten. Aber Frank berührte Menschen. Und er berührte durch die universelle Sprache der Musik die Herzen von Mördern. Das wusste er auch.“ Seine Nähe zu Mob & Mafia war FBI-aktenkundig und hatte doch nur eine Macho-Attitüde als Motiv: Er, die halbe Portion aus einfachsten Verhältnissen, wollte als ganzer Kerl respektiert werden, den man nie wieder ungestraft herumschubsen durfte. Als Sohn eines Preisboxers hatte er sich von klein auf bis ins mittlere Alter mit Vorliebe geprügelt. Die Narbe am Kinn rührt aber, entgegen mancher martialischer Mär, nicht von einem Faustkampf, sondern von der Zangengeburt, bei der ihn der Arzt verletzt hatte. „Stopp!“, ging Tommy Dorsey einmal dazwischen, als sich Sinatra und Buddy Rich im Staub wälzten, „zieht sofort die Jacken aus, wir müssen heute noch auftreten!“

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Sein Tic für Chic trieb seltsame Blüten. Er hasste Knitterfalten und setzte sich vor Auftritten oft stundenlang nicht hin. Seine Smokings waren gestärkt wie Ritterrüstungen. Sein textiles Credo: „Ich trage keine komischen Sachen. Ich stelle nichts dar. Ich mache meinen Job und gehe nach Hause.“ Einmal ging das ziemlich schief – nach Jahren ohne Hit und als aus der Mode gekommener Teenie-Star hatte er 1954 den Oscar (als bester Nebendarsteller in Verdammt in alle Ewigkeit) gewonnen. Er dankte, nahm die Statuette unter den Arm und machte sich ganz allein voll Demut davon. Zwei Straßen weiter verhafteten ihn die Cops, die ihn nicht erkannten und für einen Dieb der goldenen Trophäe hielten.Sinatras leidenschaftlichste Liaison blieb das Vollweib Ava Gardner. Als ein Regisseur spöttelte: „Was willst du mit dem 50-Kilo-Hungerhaken?“, sagte sie: „Er wiegt nur 40 Kilo. Zehn Kilo wiegt sein Schwanz.“ Nach einer Affäre mit Marlene Dietrich wusste auch sie: „Frank ist der Mercedes unter den Männern.“ Nach der schmerzhaften Scheidung von Ava (die ihm einen bulligen Stierkämpfer vorzog!) und nach haltlosen Rat-Pack-Jahren heiratete Sinatra 1966 die 30 Jahre jüngere Mia Farrow. Die Gardner, deren Bild bis zum Tod hinter seinem Rasierspiegel steckte, ätzte: „Ich wusste, dass er eines Tages mit einem kleinen Buben im Bett landen würde.“ Mias Liebe verlor Frank explosionsartig, als er einen Silvesterkracher unter der Futterschüssel ihres Lieblingskaters hatte hochgehen lassen.
Sein grundlegendes Thema, on oder off Stage oder Screen blieb die Einsamkeit und der Versuch, sie zu überwinden – von That’s Life über Strangers in the Night bis zu My Way. Sein Idol, Bing Crosby, gestand ironisch: „Einen wie ihn gibt es nur einmal – warum nur tauchte er zu meinen Lebzeiten auf?“
Auf Frank Sinatras Grabstein steht: The Best is Yet to Come. Die Botschaft nahmen seine Freunde ernst. Sie warfen ihm folgende Gegenstände nach: Spielkarten, flaschenweise Jack Daniel’s, Camel-Pakete, ein Zippo-Feuerzeug und Kaugummi für den frischen Atem. Witwe Barbara wird seine letzte Ruhestätte wie jedes Jahr am 10. Dezember besuchen und ihm zuflüstern: „Alles Gute, Frank. Schlaf warm.“
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