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Mit Kind und Kegel

Ursprünglich wurden in der Grafschaft Kent meterhohe Kegel errichtet, um Hopfen möglichst schnell trocknen zu können. An deren Form fand eine britische Familie nun Gefallen. Und baute sich fünf Türme für ein Halleluja.

Obstplantagen säumen die Wege. Apfelbäume überall. Vor allem jedoch Hopfengärten, so weit das Auge reicht. Darum wird die südost-englische Grafschaft Kent auch gern als „Garten Englands“ bezeichnet. Und eben deshalb hat man hier schon im 15. Jahrhundert Wege gesucht, um den Hopfen für die Bierbrauereien möglichst braufertig trocknen zu können. Die britische Lösung: kegelförmige Türme!

Turm zum Wohnen

Deren runde Form und ihre spitzen Dächer, auf denen sogenannte Cilin, also „Kapuzen“ aus Metall thronten, ermöglichten nämlich eine gute Belüftung des Trockengutes bei gleichzeitigem Schutz vor Regen. Obwohl inzwischen viele von ihnen abgerissen wurden, gilt die ungewöhnliche Form dieser Bauten als typisch für die Region.

Einige sind sogar noch gut erhalten und wurden für moderne Zwecke revitalisiert. Ein Grüppchen von fünf dieser so genannten „Oast Houses“ jedoch wurde soeben komplett neu errichtet. Allerdings wird darin kein Hopfen mehr getrocknet, sondern maximal das eine oder andere gemütliche Hopfengetränk genossen. Denn diese besonderen Kegel wurden als außergewöhnliches Wohnprojekt konzipiert!

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Ihren Anfang nimmt diese ungewöhnliche Baugeschichte vor zehn Jahren. Damals zog eine sechsköpfige Familie von London nach Kent – und fühlte sich alsbald in der schönen Gegend pudelwohl. Bald stellte sich heraus, dass es gerade die außergewöhnliche Form der alten Trocknungstürme der Familie angetan hatte. Und so erwuchs untereinander der Wunsch, in einem genau so runden Heim zu wohnen.

Doch während andere Menschen derartige Luftschlösser bloß in der Phantasie Raum geben, beauftrage diese Familie kurzerhand das Londoner Architekturbüro ACME. Es sollte die Idee dieser "Oast Houses" ins wohnliche Heute übertragen.

Grundlagen in der Vergangenheit

Um das möglich zu machen, mussten sich die Architekten erst einmal in die Grundlagen der historischen Originale vertiefen. Das Ergebnis, kurz zusammengefasst: In der Regel wurden die einzelnen Türme ohne Zwischenräume dicht aneinander gebaut. Die Konstruktion war einfach und mit gemauerten Ziegelsteinen verkleidet. Auf diese setzte man schließlich ein simples, mit Schindeln verkleidetes Holzdach.

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Diese Parameter erschienen den Architekten nunmehr als wenig nachahmenswert. Gerade die Bauweise als Cluster ohne Zwischenräume würde dazu führen, dass sich das Haus nicht in seine Umgebung einfügt. Und auch die Ziegelbauweise wirkte für die modernen Macher keineswegs zeitgemäß.

Rückblickend erklärt ACME-Direktor Friedrich Ludewig seine Herangehensweise so: "Wir haben versucht, etwas zu schaffen, das besser ist als seine Vorgänger. Ein Objekt, dass das Wohnen in einem ,Oast House’ tatsächlich interessant macht.“ Schließlich sollte man auch spüren, dass es sich um die Version aus dem 21. Jahrhunder handelt. Und nicht um einen ideenlosen Nachbau aus längst vergangenen Tagen.

Bloß keine binären Beziehungen!

Zuerst nahm sich Ludewig dem in seinen Augen offensichtlichen Hauptproblem an: Den fehlenden Zwischenräumen und der damit einhergehenden ausschließlich „binären Beziehung zur Außenwelt“, wie er selbst sagt. "Es wäre wirklich ärgerlich gewesen, ein Osthaus zu bauen, das wieder wie eine mittelalterliche Burg wirkt, bei der man diese massive emotionale Entscheidung treffen muss, wenn man nach draußen gehen möchte.“

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Er löste dieses Problem, indem er das so genannte „Bumpers Oast“ als einen Kreis aus vier verschiedenen und Türmen (Durchmesser jeweils 4,90 Meter) entwarf, die sich um einen zentralen Turm gruppieren. Durch den größeren Durchmesser (6,60 Meter) des zentralen Objekts umschließen die vier anderen das mittlere Objekt eben nicht vollends und es entstehen natürliche Zwischenräume. Diese wiederum versah Ludewig mit Verglasungen, Fenstern und zusätzlichen Eingängen.

Turm ohne Burg

So soll für die Turm-Bewohner ein ständiger Kontakt nach draußen, ein leiser Dialog mit der Außenwelt, besser möglich sein, ist er sich sicher.

Das zweite Problem, jenes der Fassade, wurde vor allem unter modernen Nachhaltigkeitsaspekten beleuchtet. Um diesen zu entsprechen, beschloss das Architektenteam das gesamte Gebäude als hochgedämmte Holzkonstruktion zu errichten.

Es erfüllt in Bezug auf Luftdichtigkeit und Wärmedurchgangswerten nun gar Passivhaus-Standards. Die Kegel begünstigen eine langsame Aufwärtsbewegung der Luft und einen natürlichen Luftaustausch durch oben liegende Lüftungsöffnungen. So wird auch der sommerliche Hitzeschutz und der notwendige Luftwechsel erfüllt.

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Für die Verkleidung der Außenhaut wurden rund 41.000 Ziegel angefertigt. Ihre sechs verschiedenen Farbschattierungen sind traditionellen Terrakottafliesen nachempfunden. Die Anordnung deselben erzeugt einen farblichen Übergang von dunklem Rot an der Basis des Gebäudes über Orange in der Mitte bis zu einem hellen Blau in Richtung des Himmels.

Puzzlespiel für Profis

Genau so wie die Fassade wurde außerdem auch das Dach mit Ziegel- statt Holzschindeln verkleidet. Ein Unterfangen, das sich während der Bauarbeiten als Puzzlespiel für pedantische Profis entpuppte: So galt es einerseits, einen sanften Übergang von den rechteckigen Ziegeln der Fassade zu den sich konisch zuspitzenden Ziegeln der geneigten Dächer zu schaffen. Und andererseits, die in allen Kegeldächern integrierten runden Oberlichten elegant zu umrahmen. Fazit: 290 Ziegel mussten individuell von Hand angefertigt werden!

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Die runde Form dieser Wohntürme sorgte freilich auch bei der Gestaltung der Innenräume für Stirnrunzeln. Bei den Wandinnenflächen griff man auf Sperrholzplatten zurück, die schindelartig gedeckt wurden und dem äußeren Deckmuster ähneln.

Wo gibt's runde Möbel?

Komplizierter wurde es bei den Möbeln. Sie mussten Stück für Stück einzeln entworfen werden. Schließlich sind Bänke, Betten und Kästen mit geschwungenen Front- oder Rückenteilen definitiv in keinem Einrichtungshaus der Welt zu finden.

In den Badezimmern hingegen war die Sache verhältnismäßig einfach – man verwendete Mosaikfliesen und Mikrozement, um der Gebäudegeometrie gerecht zu werden.

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Die innere Struktur der Räume wiederum folgt einer fast schon klassischen Logik: Innerhalb des Gebäudes vollzieht sich geschossweise ein Übergang vom eher öffentlichen zum privaten Bereich. Während sich im Erdgeschoss offene Gemeinschaftsbereiche wie Küche, Wohn- und Esszimmer befinden, sind im ersten Obergeschoss private Räume angesiedelt, die gemeinsam genutzt werden. Badezimmer zum Beispiel.

Jedem sein Turmzimmer

In den Dachkegeln des 230 Quadratmeter großen Wohnschlosses hingegen befinden sich die jeweils sechs Meter hohen Schlafzimmer der Bewohner. In den Kinderzimmern gliedert sich der Raum in zwei Ebenen: Oben ist der Schlafbereich, während die untere Fläche dem Spielen dient. Sie kann später in einen Lern- oder Arbeitsbereich umgemünzt werden.

Das Elternschlafzimmer hingegen wurde stattdessen mit einem begehbaren Kleiderschrank sowie einem größeren Bad bedacht.Jedenfalls aber hat jedes Familienmitglied sein Turmzimmer, um sich innerhalb des ungewöhnlichen Wohnschlosses sein eigenes Reich schaffen zu können.

In der Prinz(essinnen)-Rolle

Eine Vision, die vermutlich der Anfangspunkt des ungewöhnlichen Wohntraums war. Die Idee, in einem Schlossturm zu wohnen und sich ein bisschen wie Prinzessin und Prinz zu fühlen.

Um diese märchenhafte Sehnsucht nachempfinden zu können, braucht es jedenfalls weder Hopfen noch Malz oder gar Bier. Ein bisschen kindliche Phantasie, die man sich hoffentlich erhalten hat, sollte dafür wohl reichen.

Text: Johannes Stühlinger

Bilder: ACME/Jim Stephenson

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