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Das Vermächtnis des Richard Neutra

Dass man ihn mitunter als gebürtigen US-Amerikaner und „Architekten der Millionäre“ titulierte, empfand er als „schmerzlich“. Denn beides entsprach nicht seiner Realität, wie Richard Neutra in den 1960er Jahren in ORF-Interviews betonte. „Ich liebe Wien, bin überzeugter Wiener und Österreicher“, stellte der 1923 in die USA ausgewanderte Sohn einer jüdischen Wiener Familie fest. Und: „Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich überhaupt irgendeinen Millionär gesehen habe in Amerika. Die laufen nicht so frei herum. Vielleicht ist das bekannteste Haus, das ich je gebaut habe, das meiner Sekretärin“.

Nur eine Wiener Gasse

Was architektur-affine Österreicher vermutlich ähnlich schmerzt, ist die Tatsache, dass Richard Neutras Kunst hierzulande bislang kaum gewürdigt wurde. Gut, es gibt die Richard Neutra Gasse im 21. Bezirk von Wien. Nur: Wer denkt schon über den Ursprung eines Straßennamens nach, wenn er durch Floridsdorf spaziert?

Haus 47, Werkbundsiedlung

Auch das von Neutra konzipierte Haus 47 der berühmten Wiener Werkbundsiedlung ist fast ausschließlich Architektur-Kennern ein Begriff. 1932 fertiggestellt, sollte es Neutras einziges in Österreich verwirklichtes Gebäude bleiben. Ganz anders, als von ihm selbst erhofft. Denn 1968 – zwei Jahre vor seinem Tod – beantwortete der damals für einige Jahre nach Wien zurückgekehrte Richard Neutra Journalistenfragen nach seinem Interesse an heimischen Bauvorhaben so: „Ich möchte furchtbar gerne für diesen Brückenschlag, für den ja Österreich und Wien stehen soll, etwas helfen“.

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Es würde ihn „sehr freuen“, ganz nach Wien zurückzukehren und in Österreich Projekte zu verwirklichen, sinnierte Neutra damals – und fügte heiter hinzu: „...bevor ich ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof finde“. Auch Letzteres war ihm nicht beschieden: Richard Neutra verbrachte zwar von 1966 bis 1969 wieder Zeit in seiner Heimatstadt, verstarb jedoch 1970 auf einer Vortragsreise in Wuppertal und wurde in Los Angeles bestattet.

Ruhm, Ehre & Erben in den USA

In den USA hingegen, wo der Großteil seiner rund 300 Bauten steht, genoss Österreichs international erfolgreichster Architekt des 20.Jahrhunderts schon zu Lebzeiten hohes Ansehen. Nach Richard Neutras Tod setzte sein 1926 geborener Sohn Dion – ebenfalls Architekt – die Arbeit in Los Angeles fort. Der vom Vater geprägte Stil erlebte in den 1990er Jahren eine Renaissance. Die „Neutra Firm“, das „Neutra Institute for Survival Through Design“ und ein Museum hielten das Andenken an den berühmten Architekten hoch.

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Dion Neutra selbst verstarb im November 2019. Das Unternehmen setzt, wie auf dessen Website zu lesen ist, seine Tätigkeit fort. Ein bedeutsames Unterfangen. Denn der Österreicher Richard Neutra, der in Südkalifornien vor allem Villen baute und damit Ruhm errang, war in vielem seiner Zeit voraus.

Stil-Gründer mit sozialer Philosophie

Richard Neutra gilt als Begründer einer genuin amerikanischen Moderne. Und seine Philosophie von der sozialen Bedeutung der Architektur hat heute mehr Gültigkeit denn je. Ebenso wie Neutras Ziel, bedürfnisorientiert, erschwinglich und möglichst „naturnah“ zu bauen. Er selbst bezeichnete seine Theorie als „biorealistische Architektur“. Seine Philosophie beschrieb er unter anderem so: „Man stelle den Menschen in eine Verbindung mit der Natur. Dort hat er sich entwickelt und dort fühlt er sich besonders zu Hause.“

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Die erfolgreiche Laufbahn des 1892 geborenen Wieners begann mit dem Studium an der Technischen Hochschule. Bald nach dessen Beginn wurde Neutra in die private Bauschule von Adolf Loos aufgenommen. Loos war es auch, der Richard Neutras Interesse am Werk Frank Lloyd Wrights und neuen Bautechniken weckte. Der Wunsch, selbst in die USA zu reisen, musste jedoch warten: Der angehende Architekt wurde im Ersten Weltkrieg eingezogen und an die Front geschickt.

Migrant Richard Neutra

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie gab es für junge Architekten in Wien kaum Arbeitsmöglichkeiten. Neutra arbeitete erst für den Landschaftsplaner Gustav Ammann in Zürich, wo er auch seine künftige Frau Dione kennenlernte. Dann folgte eine Zeit in Erich Mendelsohns Berliner Atelier, ehe 1923 die ersehnte Ausreise in die USA gelang.

Ab 1925 wohnten Dione und Richard Neutra in Los Angeles. Anfangs beim Otto Wagner-Schüler Rudolph Schindler, der schon seit 1914 in den USA lebte. In den folgenden Jahren konnten die beiden Wiener Emigranten eine Reihe von Wohnhäusern errichten, die heute zu den bedeutendsten Bauten der kalifornischen Moderne zählen. In ihnen zeigt sich die Wiener Prägung durch Wagner und Loos. Ebenso, wie das Interesse an der lokalen Baukultur der Pueblo-Indianer und innovativen Bautechniken und Materialien. Ein genuiner Mix, der eine spezielle amerikanische, von historischen europäischen Stilen unabhängige Architektur ergab. Neutras „Lovell Health House“ machte ihn 1929 international bekannt. Viele neue Aufträge folgten.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Neutras Einfamilienhäuser zu Modellen für das neue Wohnen der Mittelschicht: Die offenen Grundrisse brachten neue Wohnbedürfnisse zum Ausdruck. Ihre innovativen, leichten Konstruktionen ermöglichten maximale Öffnung zur umgebenden Landschaft. Der Mensch sollte, so Neutra, möglichst „naturnah“ leben. Bewohner und Bewohnerinnen wurden mittels Fragebögen nach ihren Bedürfnissen gefragt.Standardisierung, Präfabrikation und billige Baumaterialien sollte diese Architektur allgemein erschwinglich machen.

Häuser, die Wohnträume erfüllen

Richard Neutra setzte auf Sinnlichkeit. Holzverkleidungen und visuelle Elemente wie Wasserflächen oder Spiegel, sowie frei auskragende Träger – so genannte „Spider Legs“ – sind typisch für sein Design. Durchlässige, helle Ensembles aus leichten Metallkonstruktion mit Stuckelementen und behutsam arrangierte Gärten ebenso. Und der Meister war dafür bekannt, Kundenwünsche penibel zu beachten.

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In seinen einflussreichen Büchern hatte Neutra stets die großen sozialen Fragen im Blick. Mag sein, dass seine Häuser heute als Luxusimmobilien gelten. Der Architekt selbst sah sein Ziel in erster Linie darin, leistbaren Wohnraum zu schaffen – und wurde damit in den USA zum Star: 1949, am Zenit seines Ruhmes, prangte sein Bild gar auf dem Cover des „Time“-Magazine.

Gescheiterte Heimkehr nach Wien

In den 1960er-Jahren versuchten Richard und Dione Neutra, in Wien Fuß zu fassen. Doch trotz zahlreicher Ehrungen, Ausstellungen und Versprechen einflussreicher Politiker blieben die Jahre in der alten Heimat eine Episode: Heimische Architekten fürchteten die prominente Konkurrenz aus USA. Und junge Kollegen betrachteten Neutra als Vertreter des Establishments. Sein Wunsch, hier Projekte gestalten zu dürfen, blieb unerfüllt.

Beneidet und verkannt

Auf die Frage, ob er Österreich wieder verlassen wolle, antwortete der über 60-jährige Architekt im ORF-Interview mit Peter Nidetzky anno 1968: „Von Wollen ist keine Rede.“ Aber finanziell gerate das Leben in Wien zusehends zum Problem. Jeder nehme an, dass „gerade jemand, der von drüben kommt, gut fundiert“ sei. Man werde also beneidet. In Wahrheit sei es allerdings schwierig, Sekretäre oder Chauffeure zu leistbaren Tarifen zu finden: „Ich bin ja, wie Sie wissen, schon über 40 und kann also nicht mehr alles selbst machen“.

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Die erhofften Aufträge blieben aus und die Neutras kehrten 1969 resigniert nach Los Angeles zurück. Das bedeutendste Dokument dieser Zeit ist der weitgehend vergessene Film „Die Ideen des Richard Neutra“. Die Wahrheit ist: Diese haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.

Mission der Architektur nach Neutra

Eine davon ist etwa die Idee der sozialen Rolle der Architektur. Was Neutra damit meinte, fasste er in einem Gespräch mit Brigitte Wachta für „Kultur Aktuell“ – verkürzt zitiert – zusammen: „Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse sind den Anwendungen so weit voraus. Die soziale Rolle ist die, dass die Vitalität der Bevölkerung gestützt wird. Nicht nur im Heim, sondern schon von der Geburtsklinik, von Krippe, Kindergarten, Schule und Hörsaal an. Ich glaube, all diese Dinge sind Milieugestaltung. Der Architekt umgibt den Menschen von der Geburt bis zum Grab mit Umgebung – mit Milieu. Und wir wissen, dass es sich da nicht nur um die Augen handelt. Es geht auch um Krach und Gestank, den Sie über jede Eigentumsgrenze hin haben, der vom Mülleimer des Nachbarn kommt oder vom Duft des Nacht-Jasmin. Alles ist ja allsinnlich für uns. Zu sagen, dies spiele keine Rolle, ist im heutigen Sinn sehr unwissenschaftlich gedacht.“

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Die Kosten der Errichtung seien, so Neutra, bei der Bewertung von Bauwerken weniger relevant als die Bedeutung des Projektes. Sein Beispiel: Eine vierklassige Schule in Biafra könne weitaus bedeutsamer sein als die viele Millionen Dollar teure Ausdehnung Tokios in dessen Bucht.

Respekt für österreichische Kollegen

Groll gegen seine alte Heimat hegte der engagierte Architekt offenbar nicht. Natürlich: Dass man ihn 1963 in den USA mit dem Bau des Lincoln Museums in Gettysburg – also eines amerikanischen „Sanktuariums“ – beauftragt hatte, erfüllte ihn mit Stolz. In ORF-Interviews mit der Feststellung konfrontiert, dass dies in Österreich wohl anders laufe, konterte Neutra vehement: „Oh, das würde ich nicht sagen! Österreich hat die ausgezeichnetsten Architekten für Ringstraße herangezogen“. Er sei kein Sachverständiger und wisse nicht, wie die Dinge hierzulande derzeit lägen. Daran, dass Österreich seiner Ansicht nach über jüngere und ausgezeichnete Architekten-Kollegen verfüge, ließ Neutra jedoch keinen Zweifel.

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Der Großteil der rund 300 Bauten, die Neutra in einer fast 50-jährigen Bautätigkeit realisieren konnte, befindet sich in Kalifornien. Neun davon werden nun in der Ausstellung im Wien Museum detailliert dokumentiert. David Schreyers Fotografien entstanden parallel zu ausführlichen Gesprächen, die Andreas Nierhaus mit derzeitigen BewohnerInnen führte. Die Bilder zeigen die Häuser in ihrem heutigen Zustand und ihrer aktuellen Nutzung. Sie sind also keine aufgeräumten Hochglanzproduktionen, sondern präzise Analysen der alltäglichen Wirklichkeit.

Neutras Häuser in aktuellen Fotos

Die Fotografien können auch als Antwort auf die bekannten Schwarzweiß-Aufnahmen Julius Shulmans verstanden werden, die bis heute die Wahrnehmung von Neutras Bauten prägen. David Schreyer zeigt die Häuser nicht als überhöhte Kunstwerke, sondern als ästhetische hochwertige Gebrauchsobjekte.

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Die in der Ausstellung präsentierten Gebäude entstanden in einem Zeitraum von 30 Jahren, von 1936 bis 1966. Räumlich liegt der Schwerpunkt auf Los Angeles‘ Stadtviertel Silver Lake. Dort finden sich bis heute zahlreiche Bauten Neutras – auch sein eigenes Wohnhaus. Exkursionen führen in die noble Nachbarstadt Pasadena, in die Oase von Palm Springs und die Mondlandschaft von Lone Pine.

Geliebt oder vom Abbruch bedroht

Die Häuser zeigen die ganze Bandbreite von Neutras Können im Einfamilienhausbau. Sie demonstrieren sein stringentes architektonisches System, das Vielfalt und individuelle Abwechslung zugleich erlaubt. Viele der ehemals für die Mittelschicht konzipierten Bauten sind mittlerweile Luxusobjekte. Und nicht selten sind sie vom Abbruch bedroht. Denn die rasant steigenden Grundstückspreise in Los Angeles machen die verhältnismäßig kleinen Bauten für die Immobilienwirtschaft unrentabel.

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Die Eigentümer der in der Ausstellung präsentierten Häuser waren oft auch deren Retter. So erzählen diese Bauwerke nicht nur von der Geschichte des modernen Wohnens, sondern auch von seiner radikalen Ökonomisierung in der neoliberalen Gegenwart.

Verlorenes Herzens-Projekt

So visionär und in seiner Wahlheimat USA geschätzt Richard Neutra auch war: Ein Projekt, an dem sein Herz besonders hing, wurde 2013 zerstört. Das Abraham Lincoln gewidmete Besucherzentrum in Gettysburg, das der Star-Architekt gemeinsam mit seinem Sohn Dion errichtet hatte, wurde trotz heftiger Proteste abgerissen. Ein Tiefschlag, den zu erleben Richard Neutra erspart geblieben ist. Vielleicht wäre er sonst noch schmerzhafter gewesen, als die Bezeichnung „Architekt der Millionäre“, die dem sozial denkenden Architekten zeitlebens nahe ging. Tröstlich für Neutra-Bewunderer: Die Wiener Werkbundsiedlung wurde inzwischen generalsaniert. Und die aktuelle Ausstellung im Wien Museum zollt dem Werk des Meister auf famose Art Respekt.

Text: Elisabeth Schneyder

Fotos: David Schreyer, Martin Gerlach jun./Wien Museum, Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung

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