Chronik/Wien

Seelsorger im Kampf gegen den IS

Von den rund 8800 Häftlingen bundesweit sind etwa 1800 Muslime. Ungefähr 40 davon sind wegen Radikalisierung inhaftiert – also, weil sie im Dschihad gekämpft haben oder auf dem Weg dorthin festgenommen wurden. Solche Menschen zu deradikalisieren bzw. Fanatismus von vornherein abzuwenden, ist eine der Aufgaben von Ramazan Demir (30). Der deutsche Imam mit türkischen Wurzeln ist neuer Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge (siehe Info).

In der Wiener Justizanstalt Josefstadt betreut er rund 300 Gefangenen muslimischen Glaubens mit. Ob sie sich helfen lassen, ist ihre Entscheidung. Die meisten aber tun es, sagt Demir: "In den letzten sechs Jahren habe ich mit mehr als 1000 Häftlingen geredet – und nur zwei haben den Dialog verweigert." Mit dem KURIER sprach der Theologe über Deradikalisierung, verbesserungswürdige Jugendarbeit und die aktuelle Kopftuch-Debatte.

KURIER: Woran erkennt man einen potenziellen Terroristen?

Ramazan Demir:(lacht) Optisch gar nicht. Ein langer Bart sagt gar nichts aus – das ist ein verbreitetes Vorurteil. Aber es gibt natürlich gewisse Auffälligkeiten. Wenn ein Häftling zum Beispiel nur schwarz-weiß malt: "Wir, die guten Muslime. Und alle anderen sind die Bösen, die uns vernichten wollen." Oder wenn einer dauernd von "den Ungläubigen" redet. Unter Tschetschenen, die vom Krieg traumatisiert sind, haben wir da einige Problemfälle. Aber im Großen und Ganzen sind das Einzelfälle.

Wer ist besonders gefährdet, radikal zu werden?

Leute, die diskriminiert werden, die keinen sozialen Rückhalt und Identitätsprobleme haben – und die wenig über den Islam wissen.

Und ein Imam kann solchen Häftlingen helfen?

Nicht nur der Imam. Auch der Justizwachebeamte, die Sozialarbeiterin und die Deradikalisierungsstelle – wir alle gemeinsam. Wir müssen dem Häftling zur Erkenntnis verhelfen, dass es auch gute Österreicher und böse Muslime gibt; dass nicht alles schwarz oder weiß ist. Es geht darum, ein Wir-Gefühl hervorzuheben. Und auch politische Bildung ist wichtig. Das Problem ist, dass viele Muslime keine Ahnung von ihrer Religion haben und sich in sozialen Medien einimpfen lassen, wie "der wahre Islam" auszusehen hätte. Da müssen wir uns noch besser aufstellen. Ein Imam wird natürlich als Autorität wahrgenommen, die im Bezug auf den Islam aufklären kann.

Mit welchen Vorstellungen vom Islam werden Sie zum Beispiel konfrontiert?

Viele Muslime sind nicht, wenig oder falsch über den Islam informiert. Und dann kommt auch noch die Tradition ins Spiel – die mit dem Islam gleichgesetzt wird: "Weil Papa Mama geschlagen hat, ist das islamisch." Oder: "Opa hat ge-sagt: ,Bring deine Schwester um, sie hat Schande über die Familie gebracht. Das ist islamisch.’" Oder: "Der Mann ist besser als die Frau – das ist halt so." Zwangsverheiratung, Ehrenmorde, weibliche Genitalverstümmelung usw. Wenn man nachfragt, wo im Koran das stehen soll, bekommt man eh keine Antwort.

Wie lautet also Ihre Botschaft an die Häftlinge?

Unsere Botschaft ist der Friede – also der Islam selbst. Uns geht es um eine ethische Wertevermittlung und eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Es klingt zwar blöd: aber wir versuchen, bessere Menschen aus den Häftlingen zu machen. Dazu helfen wir ihnen, selbst draufzukommen, was sie falsch gemacht haben und was sie richtig machen können. Wir hören ihnen zu. Viele weinen. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen und Pläne für das weitere Leben zu machen. Das Gefängnis hilft vielen sogar – weil sie hier erstmals über ihr Leben nachdenken.

Sie meinen, dass ein Fanatiker – jemand, der freiwillig in den Krieg gezogen ist – in die Gesellschaft integriert werden kann?

Wir müssen es bei jedem versuchen – auch wenn es schwierig ist. Man darf solche Menschen nicht alleine lassen. Denn dann suchen sie erst recht Schuldige: den Staat oder die Justizanstalt, die verhindert, dass ein Imam zu ihm kommt. Ein Heimkehrer, der in Syrien war und dort mit eigenen Augen gesehen hat, wie Unschuldige ermordet wurden, hat mir einmal von seiner – entschuldigung – "Scheißsituation" erzählt: Entweder er verlässt Syrien wieder und wird zum Verräter, wodurch er in Lebensgefahr gerät. Oder er bleibt und wird selbst zum Mörder oder getötet. Dann kommen solche Leute zurück und landen im Gefängnis. Also meiner Meinung nach kämpft der nie wieder.

Wieso fällt es Terroristen eigentlich so leicht, den Islam für sich auszulegen?

Terroristen, wie zum Beispiel der sogenannte ,Islamische Staat‘, missbrauchen die Religion. Dass sich Radikale ein paar Textzeilen herauspicken, ist nicht die Schuld von Koran oder Sunna (Brauchtum), sondern dieser Idioten, die sie nicht verstanden haben. Man muss die Verse in ihrem Kontext sehen: Sie beschreiben unter anderem Momente im Leben Mohammeds vor 1400 Jahren.

Zurück zur Seelsorge: Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) will ihre Jugendarbeit verbessern, um einer Radikalisierung junger Muslime vorzubeugen. Dazu sollen unter anderem Imame zu Jugendlichen in Parks und Shisha-Bars gehen. Ist das erfolgversprechend?

Imame vielleicht weniger – denn viele sind schon älter und der Jugendsprache nicht mächtig. Aber wir hätten viele junge Religionspädagogen, die die Sprache der Jugendlichen sprechen. Das geht aber nicht ehrenamtlich, da bedürfte es staatlicher oder städtischer Unterstützung. In Wien könnte die Stadt zwei bis drei Pädagogen in Jugendzentren einstellen und sie gezielt einsetzen. Wir werden diesen Vorschlag an die Politik herantragen.

Themenwechsel: Als Beauftragter für den interreligiösen Dialog haben Sie zuletzt gemeinsam mit Rabbiner Schlomo Hofmeister von der Israelitischen Kultusgemeinde ÖVP-Minister Kurz’ Forderung nach einem Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst kritisiert.

Ja, weil er anti-integrativ ist. Herr Kurz ist als Minister für Integration angetreten, tut aber das genaue Gegenteil: er spaltet die Gesellschaft. Religiöse Diskriminierung bei der Bewerbung und am Arbeitsplatz ist verfassungswidrig, gegen die Gleichberechtigung und gegen die Religionsfreiheit. Hier geht’s einigen Politikern nur um Stimmenfang im rechten Lager. So eine Forderung ist für viele Muslime ein Schlag ins Gesicht.

Vor Kurzem wurde Ramazan Demir zum Leiter der islamischen Gefängnis-Seelsorge bestimmt. Seine Aufgabe ist, das Angebot auf professionelle Beine zu stellen und das Budget zu lukrieren: 350.000 Euro pro Jahr. Da vom Justizministerium bisher keine Mittel bewilligt wurden, muss das Geld vermutlich über Spenden aufgetrieben werden.

Bis dato gibt es bundesweit 46 ehrenamtliche islamische Gefängnis-Seelsorger. Für die Häftlinge bleiben pro Woche nur wenige Stunden Zeit, Einzelbetreuungen kommen zu kurz. Oft beschränkt sich die Anwesenheit der Seelsorger auf das Freitagsgebet. Geht es nach Demir, sollen künftig mindestens sieben hauptberufliche Theologen die größten Justizanstalten betreuen (Josefstadt, Simmering, Graz-Jakomini und Karlau, Garsten und Linz, Innsbruck, Klagenfurt, Stein, Jugendgefängnis Gerasdorf und Frauengefängnis Schwarzau) – und zwar fünf Tage pro Woche. Eine Stelle würde brutto rund 50.000 Euro pro Jahr kosten.

Da der Schutz von Muslimen vor Radikalisierung zu den Hauptaufgaben der Gefängnis-Seelsorger zählt, kann man bei der IGGÖ nicht nachvollziehen, warum der Bund das Geld nicht bereitstellt. "Der Staat sollte uns unterstützen, damit wir ihn unterstützen können", meint Demir. Adressat des Appells ist nicht zuletzt das Bundeskanzleramt.