Chronik/Wien

Kriminologe: "International steht Wien sehr gut da"

So explodiert die Kriminalität". Oder: "Praterstern wird zur No-go-Area" – das sind nur zwei von mehreren ähnlichen Schlagzeilen der vergangenen Wochen. Glaubt man den Boulevardblättern, ist Wien auf dem Weg, Chicago zu werden.

Im Burgenland konnte die FPÖ bei den Landtagswahlen besonders mit dem Sicherheitsthema punkten. Jetzt werden die Blauen dieses wohl auch im Wiener Wahlkampf forcieren. Aber auch die ÖVP forderte zuletzt vehement einen Sicherheitsstadtrat, die Blauen sogar eine Art ständigen Sicherheitsrat für Wien.

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Läuft die Sicherheitslage in Wien aus dem Ruder? Die Wissenschaft sagt Nein und hat dafür den Ausdruck "Medien-Kriminalität" geprägt. Dabei wird eine soziale Realität beschrieben, die von den Fakten erheblich abweicht, schreibt Wolfgang Heinz, Professor an der Uni Konstanz (D), in einer Expertise. Die "gefühlte Kriminalität" habe mit der tatsächlichen oft wenig zu tun. Auch werden "Randbereichen" wie Mordfällen in Medien viel Platz eingeräumt.

So gab es zuletzt in der KURIER-Redaktion gehäufte Beschwerden über die angeblich ausufernde Kriminalität am Praterstern, in Floridsdorf oder am Margaretengürtel. Laut den Analysen des Innenministeriums sind die tatsächlichen Kriminalitäts-Hotspots aber die Bereiche Kärntner- und Mariahilfer Straße, das Wiental mit dem Naschmarkt und der U4 sowie das Gebiet rund um die Lugner City und den Märzpark. "Das Hauptdelikt ist der Diebstahl", sagt Polizeisprecher Roman Hahslinger. In Wien etwa werden rund 22.000 Taschendiebstähle pro Jahr angezeigt, es ist somit das am häufigsten verübte Delikt.

Zum Vergleich: Im Vorjahr gab es in den großen österreichischen Zeitungen 13.100 Berichte über Morde, 7900 zum Thema Überfall – und nur 149 über das Massendelikt Taschendiebstahl.

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Mit gerade einmal neun Morden im Vorjahr liegt Wien international im Spitzenfeld der sicheren Städte. Ein tatsächlicher Vergleich ist allerdings nicht möglich, weil Österreich die Kriminalität anders zählt als andere Länder. "So eine Vereinheitlichung stand einmal im Regierungsprogramm, wurde dann aber nicht umgesetzt", erklärt Christian Grafl, Professor für Kriminologie an der Uni Wien. So lassen sich die Delikte kaum vergleichen.

Nur ein Beispiel: Ein entwendetes Fahrrad ist in Österreich ein Diebstahl, in vielen anderen Ländern fällt dieses Delikt unter Einbruch.

Überfälle in Öffis

Bei den Überfällen tut sich eine weitere Schere auf. So ist die Chance, in den eigenen vier Wänden ausgeraubt zu werden, genauso hoch wie in einem öffentlichen Verkehrsmittel (inklusive Haltestellenbereiche). Im Jahr 2013 – für das Vorjahr gibt es noch keine Zahlen – wurden exakt 113 Menschen in der eigenen Wohnung überfallen und 126 in den Öffis.

Für die derzeit rund 6100 Polizisten in Wien gibt es dennoch genügend Arbeit. Sie mussten im Vorjahr knapp 1,8 Millionen Überstunden schieben, ergab eine parlamentarische Anfrage der FPÖ.

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Am fleißigsten waren dabei die Beamten der Inneren Stadt, die pro Monat im Schnitt 36 Stunden zusätzlich arbeiten mussten. Grund dafür sind sowohl verstärkter Objektschutz (etwa jüdischer Einrichtungen) als auch die ausufernde Zahl an Demonstrationen. Bis Jahresende sollen die 1000 für Wien versprochenen zusätzlichen Beamten in Dienst gestellt sein.

Kriminologe Grafl ist sich in seinem Resümee sicher: "International steht Wien sehr gut da."

Es ist ein Faktum: In Österreich sitzen überdurchschnittlich viele Ausländer in Haft. Das Verhältnis zwischen In- und Ausländern beträgt bereits rund 50:50. Innerhalb der EU ist es nur in Luxemburg, Griechenland und Zypern noch höher als hierzulande.

Für Boulevard und Politik sind solche Zahlen wie aufgelegte Elfmeter, doch wer tiefer gräbt, findet so manche erstaunliche Hintergründe – und wenig Belege dafür, dass Ausländer krimineller sind. Das zeigt etwa eine Expertise des Wiener Instituts für Recht- und Kriminalsoziologie (IRKS). Tatsächlich ist die Ausländer-Kriminalitätsbelastung demnach weit überschätzt.

Von den in Österreich lebenden Ausländern sind 99 Prozent unbescholten, bei den Österreichern sind es 99,6 Prozent. Doch wer nicht in der Alpenrepublik geboren ist, wird vor Gericht oft benachteiligt – so werden unbescholtene Ausländer im Schnitt für das gleiche Delikt härter bestraft als bereits vorbestrafte Österreicher, ergab die Untersuchung. Dadurch sein auch klar, dass sie in den Gefängnissen überrepräsentiert sind.

Soziale Stellung

Tatsächlich hat Kriminalität weniger mit Herkunft als mit sozialer Stellung zu tun: Niedriges Lohnniveau ist ein Faktor; die meisten Diebe oder Einbrecher sind männlich und zwischen 15 und 40 Jahre alt. In genau diesen Bereichen sind Ausländer überrepräsentiert.

Pro 1000 Einwohner in Wien wurden rund 73 Verdächtige fremder Nationalität ermittelt. Nur rund 33 davon wohnen aber in Wien. Dem gegenüber stehen 31 Verdächtige aus Österreich gegenüber. Die Zahlen unterscheiden sich nur marginal.

Die Studie enthüllt noch weitere Details: Der Großteil der Straftaten (74 Prozent) wird innerhalb der Herkunftsgruppe verübt. Das heißt Österreicher bestehlen Österreicher und Türken beispielsweise ihre Landsleute. Nur bei einem einzigen Delikt sind Ausländer überrepräsentiert – bei Raubüberfällen.