Chronik/Wien

Koran-Verteiler wollen mit dem Megafon predigen

Vor Weihnachten verschwanden sie freiwillig von der Bildoberfläche – jetzt treten sie wieder in Erscheinung: die umstrittenen Koran-Verteiler. Der erste Stand steht seit voriger Woche in der Josefstädter Alser Straße. Gegen den Willen des Bezirks – dort plädierte man für ein Verbot. Für die Koran-Verteiler nichts Ungewohntes: Die Bezirksvorsteher würden sich reihenweise gegen die Genehmigung ihrer Verteilaktionen einsetzen, sagt einer von ihnen – Halid B.

Der hauptberufliche Lkw-Fahrer mit dem buschigen roten Bart kündigt deshalb eine neue Taktik an: Ab nun werde man bloß noch Versammlungen bei der Polizei anmelden – und in deren Rahmen den Koran verteilen sowie die Botschaft Allahs durchs Megafon verkünden. Auf Deutsch, Französisch und Arabisch. „Das werden wir zwei Mal pro Woche machen. Bis die Bezirksvorsteher mit uns reden“, stellt Halid B. in Aussicht.

Mehr oder minder freiwillige Pause

Im Vorjahr hatten die Info-Stände, auf denen groß „Lies!“ stand, einer Handvoll Muslimen in Österreich eine zweifelhafte Bekanntschaft beschert. Die Islamische Glaubensgemeinschaft hatte keine Freude mit den Verteilaktionen, weil es sich bei der verwendeten Koran-Version um eine für Laien schwer verständliche Fassung handle. Und auch Bezirkschefs machten gegen die Verteilaktionen mobil. Man befürchtete, Salafisten könnten versuchen, Menschen für den IS zu rekrutieren.
Der Hauptorganisator der Verteilaktionen, Mustafa Brahja, bestritt derartige Intentionen zwar, erklärte sich aber bereit, die Initiative vorübergehend auszusetzen. Man wolle „nicht weiter Öl ins Feuer gießen“.

Von den nun wieder aktiven Verteilern wurde die Zwangspause nicht goutiert – die habe bloß den Anschein erweckt, als ob man sich etwas zu Schulden kommen habe lassen.

Darum habe man bereits Anträge im 3., 6., 7., 8., 9., 10. und 22. Bezirk gestellt. Meist sei die Genehmigung allerdings nicht erteilt worden, sagt B. (Was im Rathaus nicht bestätigt wird. Dort mutmaßt man eher, dass die Verteiler ihre Anträge zurückzogen, als sie von der Ablehnung der Bezirkschefs erfuhren.) In der Josefstadt und am Alsergrund hatte man ebenfalls Bedenken, „weil sich der Standort zwischen zwei Flüchtlingsheimen befindet“, wie die Bezirkschefin der Josefstadt, Veronika Mickel (ÖVP), erklärt. Bewilligt wurde der Stand trotzdem.

Keine Rekrutierungen

Von der „Lies!“-Gruppe und von Brahja habe man sich mittlerweile getrennt, um das negative Image abzustreifen, erklärt B. (Vielleicht aber auch, weil der Schriftzug "Lies!" nicht eben hilfreich war, wie auch bereits Brahja gegenüber dem KURIER eingestand. Werde er doch von vielen Passanten nicht als Imperativ von "lesen" verstanden, sondern als englische Übersetzung des deutschen Wortes "Lügen" missinterpretiert.)

Wie man die Bücher trotz kostenloser Verteilung finanziert, verrät B. aber nicht. Und auch nicht, ob er sich selbst als Salafist bezeichnet. "Salafismus - was bedeutet das überhaupt? Der Begriff wurde erst vor wenigen Jahren erfunden."

Rekrutieren wolle man jedenfalls niemanden, einen Heiligen Krieg gebe es nicht. „Wir wollen nur, dass die Leute zu Gott zurückfinden.“
Dass Bezirkschefs die Stände verhindern können, stimmt übrigens nicht. Die Bezirke haben nur ein Recht auf Stellungnahme – die Genehmigung obliegt der MA46 (Verkehrsangelegenheiten) – und die muss die Aktionen bewilligen, sofern nicht der Verkehr behindert oder „strafrechtlich verpönte Werke“ verteilt werden.

„Das Verteilen von Info-Material ist nicht strafbar“, heißt es auch beim Verfassungsschutz. Angesichts der geopolitischen Entwicklungen widme man den Koran-Verteilern aber „eine erhöhte Aufmerksamkeit“. Rekrutierungsversuche seien bisher nicht bekannt.