Chronik/Wien

Flüchtlinge sind welcome, Oida!

Es war im vergangenen August, als Ahmad (26) nach seiner Flucht aus Syrien in Wien angekommen ist. Doch sein Neustart war zunächst schwierig. "Ich bin zwei Monate kaum außer Haus gegangen", erzählt der 26-Jährige, der Finanzwesen studiert hat. Wo hätte er auch hingehen sollen? Er kannte kaum jemanden, wusste nicht, was er außer Haus überhaupt hätte tun sollen. Erst nach zwei Monaten in Wien ließ er sich als Flüchtling registrieren. Ahmad wusste nicht, dass alle nach Wien Geflohenen registriert werden. Ahmad wollte niemanden fragen, weil er niemandem zur Last fallen wollte.

So wie dem 26-jährigen Syrer geht es vielen Flüchtlingen in Wien. Eine neue Handy-App soll das jetzt ändern. Eine Gruppe aus Menschenrechts- und Mapping-Experten, aus Programmierern und Grafikern, aus Künstlern und Fotografen, hat sich zusammengetan und die App "New Here" entwickelt. "New Here" ist ein virtueller Stadtplan von Wien – abgestimmt auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen.

Einfache Bedienung

Die App basiert auf einer Software, die in in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Farsi, Dari und Arabisch anwendbar ist. Über Piktogramme können Flüchtlinge durch die verschiedenen Kategorien Schule/Bildung, Gesundheit, Arbeit, Geld/Administratives, Asylverfahren, Freizeitangebote und Wohnen navigieren. In diese Kategorien können Hilfsorganisationen, Initiativen und Bildungseinrichtungen ihre Angebote für Flüchtlinge eintragen.

Über die Eingabe ihres aktuellen Standorts sollen die Geflüchteten dann beispielsweise erfahren, wo sich die nächstgelegene Praxis eines Allgemeinmediziners befindet, wo der nächste Supermarkt ist, der Halal-Fleisch (also laut den Regeln des Islam korrekt geschlachtet, Anm.) verkauft und wo in der Nähe ein Deutschkurs angeboten wird. Außerdem wird erklärt, wo man in Wien eine Meldezettel ausstellen lassen kann, wo es günstig Kleidung zu kaufen gibt oder wo Essen gratis ausgeteilt wird.

Unabhängigkeit

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"Die App sollen allen, die neu in der Stadt sind, die Möglichkeit geben, sich selbst zurechtzufinden und ein Stück mehr Unabhängigkeit geben, damit sie ein selbstbestimmteres Leben führen können", sagt Anna Müller-Funk, eine der Initiatorinnen des virtuellen Stadtplans. Sie hofft, dass das Projekt in anderen Städten Nachahmer findet. "Für die Geflüchteten ist es schwierig, immer wieder jemanden um Hilfe bitten zu müssen", sagt Müller-Funk. Und auch die Helfer und NGOs sollen mit der App entlastet werden. "Sie müssen immer wieder erklären, wo der nächste Deutschkurs ist oder wo es in Wien eine Gynäkologin gibt, die auch Arabisch spricht", sagt Müller-Funk.

Den Initiatoren von "New Here" geht es aber auch um Politisches. "In der politischen Debatte ist vom Ende der Solidarität gegenüber Schutzsuchenden die Rede", sagt Müller-Funk. "Das ist eine besondere Gemeinheit, denn wir erleben täglich das Gegenteil."

Deshalb laden die Initiatoren am Weltflüchtlingstag, dem 20. Juni, NGOs, Vereine und Privatpersonen ein, sich unter dem Motto "Welcome Oida" mit den Schutzsuchenden solidarisch zu erklären. Alle Veranstaltungen dazu werden in den virtuellen Stadtplan eingetragen – der soll exakt am 20. Juni als Gratis-App verfügbar sein.

Darauf freut sich auch Ahmad, der an der Entwicklung des Apps mitgearbeitet hat. "Wien bietet so viel, aber niemand weiß es", sagt er. "Dann bleibt man zu Hause, weil man niemanden kennt." Aber das hat sich für ihn mittlerweile geändert.