Chronik/Welt

"Wir kämpfen weiter. Das ist unsere Auferstehung"

Es ist Samstag. Fiona sitzt in einem Cafè in Dublin, nahe der O'Connell Street. Für gewöhnlich lebt und arbeitet sie in London. Doch wenn es um Menschenrechte geht, kennt sie keine Grenzen. "Hier geht es um uns alle. Es ist keine Frauenangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung", sagt die 23-Jährige, die in wenigen Stunden gemeinsam mit ihrer Freundin Karen und weiteren Zehntausenden beim jährlich stattfindenden "March For Choice" in Dublin gegen die rigorosen Abtreibungsgesetze in Irland protestieren wird.

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Abtreibung nur im Ausnahmefall

Auf der grünen Insel, auf der vor einem Jahr die Homo-Ehe legalisiert wurde, ist eine Abtreibung nur legal, wenn die Schwangerschaft eine Lebensgefahr für die Frau darstellt. Gründe wie Vergewaltigung oder Inzest oder wenn der Fötus bleibende Missbildungen aufweist, sind im Gesetz nicht vorgesehen. Bis vor wenigen Jahren war es sogar strafbar, Frauen über die Möglichkeit einer Abtreibung zu informieren. Erst in den Neunzigerjahren wurde die Regelung gelockert. Seitdem dürfen Frauen ins Ausland reisen, um eine Abtreibung durchführen zu lassen.

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Für Fiona und Karen reicht das noch lange nicht. Sie setzen sich für die Abschaffung des Achten Zusatzartikels der irischen Verfassung ein, der seit 1983 mehrfach geändert wurde, aber de facto ein Abtreibungsverbot festschreibt. "Das ist doch lächerlich", sagt Fiona sichtlich verärgert. "In Irland sind Frauen Bürger zweiter Klasse." Karen ergänzt, dass es ihnen ja nicht um die Abtreibung geht, sondern darum, dass Frauen nicht über ihre eigenen Körper entscheiden dürfen. "In Irland gehört der weibliche Körper der Regierung, und nicht der Frau", erklärt die 25-Jährige, bevor sich die Beiden zum Garden of Remembrance aufmachen.

Dort startet nämlich die von der Organisation "Abortion Rights Campaign" veranstaltete Großkundgebung; nach einem mehr als zwei Kilometer langen Marsch und zahlreichen Sprechchören ("Not the church, not the state, women must decide their fate", "Get your rosaries off my ovaries", und "Pro-life, that’s a lie, you don’t care if women die") endet sie am Merrion Square im Süden Dublins.

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Jürgen Klatzer ⚡️ (@JuergenKlatzer

"Rise and Repeal"

Der diesjährige "March For Choice" steht ganz im Zeichen des 100. Jahrestag des irischen Osteraufstands, der am 24. April 1916 seinen Ursprung hat. Der Lehrer Patrick Pearse verkündete an diesem Ostermontag außerhalb des Dubliner Hauptpostgebäudes die Unabhängigkeit der irischen Republik und versprach allen Bürgern dieses Landes, das seit Jahrhunderten unter britischer Herrschaft gestanden hat, "Religions- und Freiheitsrechte, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten".

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Als Pearse allerdings seine Ideen vortrug, ignorierten in die Passanten. Die Wenigen, die stehen blieben, hatten für den Anführer der Separatisten nur Spott und Hohn übrig. Sie zweifelten an einer vollständigen Autonomie Irlands; Pearse und seine Mitstreiter James Connolly, ein Gewerkschafter und Sozialist, und Thomas Clarke, ein Nationalist mit paramilitärischen Verbindungen, waren davon allerdings fest überzeugt. Sechs Tage lange verbarrikadierte sich eine Gruppe irischer Republikaner in öffentlichen Gebäuden und trug Straßenkämpfe gegen Polizisten und das Militär aus.

Angelehnt an dieses historische Ereignis lautet der Slogan der Kundgebung 100 Jahre später auch "Rise and Repeal", "Auferstehung und Aufhebung" - wie eben auch im Kampf um die Autonomie einer Republik.

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Pro-Choice, nicht Pro-Abtreibung

"Wir dürfen nicht länger schweigen", sagt M-A, eine 49-jährige Französin, die außerhalb der irischen Hauptstadt wohnt. Für sie ist das Abtreibungsgesetz ein "Witz". Schon vor Hunderten Jahren habe die Kirche die Frau als "ein Wesen ohne Seele" beschrieben, erklärt die Mutter einer 15-jährigen Tochter, heute tue es die Politik ihr gleich. "Frauen haben weniger Rechte als ein Fötus", klagt M-A. Allerdings sei die Entkriminalisierung der Abtreibung ja nur eine von vielen Forderungen. "Es geht um Menschenrechte, Frauen müssen selbst entscheiden dürfen, was mit ihren Körpern geschieht."

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"Ich konnte meinen Augen nicht glauben, als der Bus vor Tausenden Menschen stehen blieb. Ich musste weinen und könnte es jetzt wieder."


Joe und Damien aus Dublin sehen es ähnlich."Wer keine Macht über seinen Körper hat, hat auch keine Rechte", sagen die beiden Männer, die beim "March For Choice" eindeutig in der Unterzahl sind. Junge und alte Frauen, aber auch Burschen haben sich zwar eingefunden, Männer über 50 Jahre sucht man beim Protest vergeblich.

"Das liegt vielleicht daran, dass sich viele schuldig fühlen", erklärt Donie, den Zynismus hört man sofort. Der 62-Jährige ist mit einer Gruppe vom rund 200 Kilometer entfernten südirischen Waterford angereist und spricht das aus, was sich viele hier denken. "Männer, die damals diese Gesetze beschlossen und beim Referendum dafür stimmten, haben dafür gesorgt, dass Frauen noch heute diskriminiert werden", sagt er und verweist auf die Macht der Kirche in Irland. "Katholische Männer bestimmen, was für Frauen richtig ist. Das haben wir im Jahr 2016 nicht nötig, aber ganz und gar nicht."

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Die 70 Jahre alte Ger, die gemeinsam mit Donie via Bus nach Dublin gekommen ist, nickt zustimmend. Für sie ist der "March For Choice" einfach nur großartig. "Ich konnte meinen Augen nicht glauben, als der Bus vor Tausenden Menschen stehen blieb. Ich musste weinen und könnte es jetzt wieder", sagt sie auf dem Merrion Square stehend, wo der Marsch nach mehr als drei Stunden sein Ende findet. Zu ihrer Zeit sei sowas ja nicht möglich gewesen, umso besser, dass es heute junge Menschen seien, die Akzente gegen diese "Dummheit" setzen.

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"Das ist unsere Auferstehung"

Dass der Osteraufstand der Rebellen vor 100 Jahren blutig endete, kümmert hier bei der Abschlusskundgebung niemanden. Damals träumte man von einem "besseren Irland, von einem Irland, in dem jeder selbst über seine Zukunft entscheiden darf", sagt Linda Kavanagh, "Abortion Rights Campaign"-Sprecherin. Weil die Republik Irland bislang aber versagt hätte, werde man kämpfen und Forderungen aufstellen; es werde keinen Frieden ohne Selbstbestimmung der Frauen geben.

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"Wir können nicht warten, bis die nächste Frau stirbt, bis die nächste Frau künstlich am Leben gehalten wird, bis die nächste Frau gezwungen wird, nach London zu reisen, um abzutreiben", ruft sie den Tausenden Demonstranten zu. "Genug Blut ist geflossen, genug Frauen sind gestorben. Wir werden nicht länger schweigen, kein Stigma mehr. Wir kämpfen weiter. Das ist unsere Auferstehung."


Anmerkung: Dieser Artikel entstand im Rahmen von eurotours 2016, einem Projekt des Bundespressedienstes, finanziert aus Bundesmitteln.