Chronik/Welt

Panzer gegen Schneechaos in Ungarn

Im Burgenland ist am Samstagnachmittag die Lkw-Kolonne auf der Ostautobahn (A4) angewachsen. Der Stau reiche bis zur Anschlussstelle Parndorf (das sind etwa 25 Kilometer, Anm.) zurück, teilte die Landespolizeidirektion Burgenland mit. Auf ungarischer Seite sei die Autobahn M1 mittlerweile wieder für den Verkehr freigegeben worden, es werde blockweise abgefertigt.

Am späten Nachmittag war laut Exekutive geplant, die in Richtung Ungarn wartenden Autofahrer in einer gemeinsamen Aktion von Asfinag, dem Roten Kreuz und der Polizei von der Gegenfahrbahn aus mit Tee und Nahrung zu versorgen. Es wurde auch versucht, in Fahrtrichtung Nickelsdorf eine Fahrspur für Pkw freizubekommen. Diesem Bestreben machten wartende Lkw-Fahrer aber immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Bis sich der Stau auflöse, werde es noch dauern. Möglicherweise werde das erst in den Abendstunden sein, hieß es von Seite der Polizei.

Chaos am Freitag

Chaotische Szenen spielten sich am Freitag auf der Autobahn M1 ab. „Es gibt hier keine Einsatzleitung, niemand koordiniert die Einsatzteams“, schildert Tobias Mindler vom Roten Kreuz Burgenland. Bis zu drei Meter hohe Schneeverwehungen und Sturmböen sorgten für Unfälle und kilometerlange Staus auf Ungarns Straßen. Auf der M1 von Budapest nach Wien und M7 in Richtung Zagreb kam der Verkehr bereits Donnerstagabend vollkommen zum Erliegen. Bis zu 10.000 Menschen verbrachten die Nacht in ihren Autos. Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte mussten Betroffene – darunter viele Österreicher – teilweise bis zu zwölf Stunden ohne Essen und Trinken ausharren.

Unter den Eingeschlossenen war Eva Hettegger vom Ö3-Hörerservice. Sie stieg am Donnerstagabend in einen Bus von Budapest Richtung Wien. „Wir haben uns auf eine Drei-Stunden-Fahrt eingestellt. Und es ist dann mehr als zwölf Stunden Fahrt daraus geworden. Wir sind alle ausgehungert“, erzählte sie in einem Ö3-Interview. Freitagfrüh wurden sie und andere Fahrgäste in einer Schule untergebracht, wo sie von Einheimischen versorgt wurden.

Um den Verkehr umzuleiten entfernten Hilfskräfte Leitplanken auf der M1. Pkw-Lenker konnten so aus ihrer misslichen Lage befreit werden, für Lkw-Fahrer gab es vorerst keine Hilfe. Viele von ihnen mussten am Freitag eine weitere Nacht in ihren Fahrzeugen schlafen. Eine Entspannung der Lage war Freitagabend nicht in Sicht „der Lkw-Stau ist sicher noch 50 Kilometer lang“, erzählt Mindler.

Die ungarischen Rettungskräfte waren mit der Situation komplett überfordert. Auf Anfrage der Ungarn eilte am Freitag das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) zu Hilfe. „Wir haben am Freitag einen Hilfskonvoi entsendet, um die Menschen mit Decken, Tee und Lebensmittel zu versorgen“, sagt Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des ÖRK. Auch die Asfinag rückte mit Schneepflügen aus. Am Abend wurde die Feldküche Mödling angefordert, die vor Ort rund 1000 Menschen mit warmen Essen versorgen soll.

Panzereinsatz

Der ungarische Innenminister Sandor Pinter rief zwischenzeitlich den Katastrophenalarm aus. Die Armee rückte mit Panzern zur Bergung eingeschneiter Fahrzeuglenker aus. Die Betroffenen würden die Situation noch „recht gelassen und humorvoll“ nehmen. Einzig die fehlenden Informationen würden den Menschen zu schaffen machen, so Mindler.

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Auch im Süden des Bundesgebietes haben Ausläufer des Tiefdruckgebietes gewütet: In Oberkärnten wurden durch Sturmböen mit bis zu 90 km/h Bäume entwurzelt. Am Millstätter See musste deshalb Donnerstagabend die Straße gesperrt werden, bei Fresach im Drautal stürzte ein Baum auf ein vorbei fahrendes Auto. Auf Schneefahrbahnen gab es zahlreiche Unfälle mit Verletzten.
Freitagvormittag kam es dann zu einer Massenkarambolage auf der Rheintalautobahn A14: Bei Frastanz, Bezirk Feldkirch, sind 18 Autos und drei Lastwagen ineinander gekracht. Drei Personen wurden dabei verletzt. Auslöser war das Überholmanöver eines Lkw-Fahrers, der andere Lenker zu Bremsmanövern zwang.

Im Bezirk Weiz und nördlich von Graz kam es zu Stromausfällen, weil umgeknickte Bäume Leitungen gekappt hatten: Zunächst waren 10.000 Haushalte betroffen, Freitagabend waren noch 1000 Haushalte ohne Strom. In der Obersteiermark gab es Probleme durch umgestürzte Bäume: So wurde in Knittelfeld ein Auto von einem Baum getroffen, verletzt wurde dabei niemand.

Die Wetterkapriolen haben die Lawinengefahr vor allem in der Osthälfte Österreichs rapide steigen lassen: „Uns steht durch die Kombination Neuschnee, Sturm und prognostiziertem Schönwetter das heikelste Touren-Wochenende der Saison bevor“, warnt der Wiener Lawinenexperte Arno Studeregger.

Schnee und vor allem ungewohnt starker Sturmwind behinderten den Verkehr im nahezu ganzen Land. Ein Großteil der Bundesstraßen in den Regionen Presov und Kosice im äußersten Osten war völlig unbefahrbar, einige Dörfer waren von der Außenwelt abgeschnitten. Orkanartige Böen entwurzelten Bäume, rissen Dächer von Häusern, und fegten Lastwagen regelrecht von den Straßen.

Starke Behinderungen meldete auch der Bahnverkehr, einige Zugstrecken waren wegen Schneeverwehungen unterbrochen, wobei auch Ersatzverkehr mit Bussen wegen teils blockierter Straßen nicht möglich war. Auf der Autobahn D1 unterhalb der Hohen Tatra blieben Dutzende Laster und Busse im Schnee stecken, Rettungskräfte waren am Freitagvormittag damit beschäftigt, die Betroffenen aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Die für Freitag angesetzten Abschlusstests mussten die Mittelschulen in der Ostslowakei inzwischen auf Montag verschieben. Für einen Großteil des Landes galt Sturm-Warnstufe drei.

Auf der A4 zwischen Tarnów und Brzesko kam ein Reisebus mit 55 israelischen Touristen bei Glatteis von der Straße ab und stürzte gegen die Autobahnbegrenzung, berichtete der Nachrichtensender TVN24. Die Reisenden blieben unverletzt, konnten sich aber wegen der blockierten Türen nicht selbst befreien. Nach vielen Unfällen verhängte die Verkehrspolizei zudem ein Fahrverbot für Lastwagen auf der sogenannten Zakopianka von Krakau nach Zakopane.

Bei einem Unwetter sind in Bulgarien mehrere Menschen verletzt worden, eine Frau kam ums Leben. Die 34-Jährige starb, als ein Baugerüst auf sie stürzte. Wie bulgarische Medien am Freitag berichteten, deckte der Wind Dächer ab und riss Bäume um. Zahlreiche Orte waren ohne Strom.