Chronik/Welt

Bis ins Grab der Größte: Abschied von Muhammad Ali

"Er wollte keine stille Trauer. Er wollte die große Bühne", sagt Isaiah Preston, "aber für alle Menschen, für alle Religionen. Und darauf kommt es in diesem Land gerade verdammt noch mal wirklich an." Der 43-jährige Musiker ist Freitagfrüh einer der ersten an der Kreuzung, wo der nach Louisvilles berühmtestem Sohn benannte Boulevard auf die 9. Straße trifft. Zwei Stunden noch, dann wird hier flankiert von Tausenden auf den Gehsteigen der Korso aus 21 Wagen mit dem Sarg vorbeiziehen, der Muhammad Ali entlang der Stationen seiner Kindheit und Jugend zur letzten Ruhestätte bringt.

Isaiah Preston ist eigens aus New York 15 Stunden mit dem Auto nach Louisville gefahren. Warum die Strapazen? "Ich musste einfach hier sein. Durch Ali wurde es cool und würdevoll, in Amerika ein Muslim zu sein", sagt Preston, "durch Donald Trump und andere darf das nicht zerstört werden."

Die Islam-feindlichen Äußerungen des Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, sie schwingen bei vielen mit in den Stunden der Trauer, die Louisville erlebt, seit der 1942 hier als Cassius Clay geborene Ali gestorben ist. Aber auch dafür hatte der übergroße Menschenfreund gewissermaßen vorgesorgt. Alle Details seiner präzise choreografierten Abschieds-Zeremonie hatte er vorher festgelegt. Vor allem: wen er dabei haben wollte. Alle!

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Hohe Promi-Dichte

Die Promi-Dichte ist hoch. Zu der von mehr als 20.000 Gästen besuchten Trauerfeier in der KFC Yum!-Arena war Bürgerrechtler Jesse Jackson ebenso gekommen wie Louis Farrakhan, der Führer der radikalen afro-amerikanischen "Nation of Islam". Die Box-Elite von Lennox Lewis über Larry Holmes bis Sugar Ray Leonard hatte sich in feine Anzüge gezwängt. Alle waren gekommen, um sich "zu verneigen vor einem Mann, der mit seiner Güte und Liebe Grenzen eingerissen hat für uns alle", wie Louisvilles Bürgermeister Greg Fischer sagte.

Ihm und seinem Organisationsstab war es zu verdanken, dass bei der Großveranstaltung – Straßensperren, 1200 Polizisten, Zehntausende Besucher, 2000 Journalisten aus aller Welt – pompöser Aufwand mit einfacher Volksnähe Hand in Hand ging.

Muhammad Alis lässiger Kampfstil, sein Talent als Showman, sein Zorn gegen Krieg und Ungerechtigkeit, sein Eintreten für Toleranz zwischen den Religionen: die Trauer-Redner Präsident Bill Clinton und Hollywood-Spaßvogel Billy Crystal trugen auf liebenswürdige Weise zur Vergöttlichung des Verstorbenen bei.

Dessen Grab auf dem Friedhof von Cave Hill wird nur eine schlichte Steinplatte zieren. Kein Vergleich zu der nicht weit entfernt stehenden Granit-Statue von Colonel Harland Sanders, dem Gründer der Imbiss-Kette "Kentucky Fried Chicken".

Zu jenen, die offensichtlich mehr für die eigene PR vom Vermächtnis Alis profitieren wollten, gehörte Recep Tayyip Erdogan. Mit Gattin und Entourage fiel der türkische Präsident im Muhammad Ali-Center ein, ließ sich durchs Museum führen und posierte mit Exil-Türken für Schnappschüsse. Peinlich: Für die Fotografen präparierten seine Helfer Blumengestecke der improvisierten Gedenkstätte vor dem Eingang mit türkischen Fahnen.

Beim Verlassen der "Freedom Hall" sagte die im Rollstuhl sitzende Morgie Lancaster, eine schwarze Muslimin, einen Satz, der auch von Ali selbst hätte stammen können. "Amerika muss zur Besinnung kommen. Amerika muss zusammenkommen."