Chronik/Welt

"Krimineller Akt antisemitischen Hasses"

Brüssel hatte sich gerüstet für eine Feier der Demokratie, für Wahlpartys zur "Mutter aller Wahlen" – in Belgien wurden gestern neben dem europäischen auch das nationale und drei regionale Parlamente gewählt –, stattdessen gilt es nun, einen mörderischen Anschlag zu verarbeiten.

Hunderte Menschen versammelten sich Sonntagabend in der Innenstadt, um ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft zu bekunden; auch, um gemeinsam zu verarbeiten, was tags zuvor geschehen war.

Wie berichtet, hat am Samstagnachmittag ein unbekannter Täter im jüdischen Museum in der Brüsseler Innenstadt mit einer Kalaschnikow um sich geschossen. Zwei israelische Besucher und eine Französin, die im Museum arbeitete, starben durch Schüsse in Gesicht und Hals; ein belgischer Mitarbeiter am Museumsempfang wurde durch Schüsse im Gesicht und im Nacken lebensgefährlich verletzt. Der junge Mann erlag einen Tag später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Der flüchtige Täter habe "wahrscheinlich allein" gehandelt und sei "gut vorbereitet" gewesen, sagte Vizestaatsanwältin Ine Van Wymersch. Überwachungskameras haben den Anschlag gefilmt; die belgische Polizei veröffentlichte Videos und Fotos des Täters.

Schutz für Synagogen

Als Reaktion auf die Tat wurden in ganz Belgien die Sicherheitsvorkehrungen rund um jüdische Einrichtungen verstärkt, Synagogen standen unter Polizeischutz.

Für die traditionell liberale belgische Gesellschaft ist die Tat ein Schock. Belgien hat vergleichsweise wenig Probleme mit Antisemitismus, gegen das Jüdische Museum gab es auch keine Drohungen. Im Wahlkampf spielte das Thema keine Rolle, auch von rechtsnationalen Parteien waren keine antisemitischen Töne zu hören.

"Wir sind bestürzt, weil wir Zeugen des ersten antisemitischen Anschlages in Brüssel seit dem Zweiten Weltkrieg werden", sagte Maurice Sosnowski, Präsident des Dachverbands der jüdischen Organisationen. Über das Motiv der Tat gibt es bisher nur Spekulationen, die Polizei wollte auch am Sonntag einen antisemitischen Hintergrund nicht bestätigen: "Es gibt aber einen starken Verdacht", hieß es.

Papst Franziskus hat den Anschlag am Sonntag bei seiner Ankunft in Tel Aviv als "kriminellen Akt antisemitischen Hasses" verurteilt. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, die Tat sei "das Ergebnis der konstanten Aufstachelung gegen Juden".

Angeheizte Atmosphäre

Auch Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, sagt, "der Terroranschlag von Brüssel kommt leider nicht überraschend". Eine Studie der EUGrundrechtsagentur zeige "ein massives Ansteigen antisemitischer Vorfälle in Europa". Die Warnungen seien jedoch nicht ernst genommen worden; stattdessen, so Deutsch, sei die Atmosphäre durch "unberechtigtes Israelbashing von der Politik zusätzlich angeheizt worden".