Chronik/Österreich

Hält Zustrom der Flüchtlinge zehn Jahre an?

Mit rund 80.000 Flüchtlingen rechnet das Innenministerium heuer in Österreich (der KURIER hat berichtet). Diese Zahl könnte jedoch noch steigen, denn die Prognosen für die Zukunft sind weit schlimmer. Für Gerald Tatzgern, Leiter der Abteilung Menschenhandel im Bundeskriminalamt, ist das erst "der Beginn" einer großen Welle. Tatzgern ist zuständig für Österreichs polizeiliche Kooperationen am gesamten Balkan. Er rechnet damit, dass der Flüchtlingsstrom "noch fünf bis zehn Jahre" andauern wird. "Unsere Kooperationen am Balkan sind deshalb langfristig ausgelegt. Kleinere Teams, aber dafür mit längerem Atem", berichtet der Experte dem KURIER.

Treffen in Salzburg

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Am Donnerstag werden Spitzenvertreter der österreichischen Polizei und mehrerer Balkanländer in Salzburg die weitere Strategie besprechen. Gestaffelt könnten immer mehr ausländische Polizeieinheiten in Ungarn, Serbien und Mazedonien eingesetzt werden. "Für uns ist das eine Art verlängerter Arm, wir können rascher reagieren", sagt Tatzgern (Bild). Wenn beispielsweise vermehrt gelbe Kleinlaster mit deutschen Kennzeichen eingesetzt werden, können die österreichischen Beamten am Balkan ihre Kollegen in Wien vorwarnen.

Der Zustrom könnte noch weit größer werden: In der Türkei sitzen rund zwei Millionen Syrer, die noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat hoffen. Doch je länger der Konflikt in der Region dauert, desto mehr werden sich auf den Weg nach Europa machen, meinen Experten. Derzeit kommen vor allem Kriegsflüchtlinge. Im Innenministerium rechnet man deshalb heuer mit einer Anerkennungsquote der Asylanträge von 50 bis 60 Prozent. Das sind rund 45.000 Menschen, was der Bevölkerung einer gesamten Stadt in der Größe von Wels, St. Pölten oder Villach entspricht.

Milliardengeschäft

Dahinter steckt ein Riesengeschäft; die Schlepper verdienen Milliardenbeträge. Bei Europol hat man erstmals die Finanzströme untersucht. In einem aktuellen Bericht ist zu lesen, dass der Großteil des Geldes von und nach Griechenland, in die Türkei und nach Spanien fließt. Interessantes Detail: Es wurden keine auffälligen Geldströme nach Italien registriert, obwohl dort viele Flüchtlinge landen. "Es gibt nicht ein oder zwei Zampanos im Hintergrund", erklärt Tatzgern. Allerdings dürften sich verschiedene "Reiseunternehmen" einer festen Struktur bedienen: Familien werden gezielt getrennt und trotz unterschiedlichster Wege quer über den Balkan am Zielort wieder vereint. Deshalb wird oft behauptet, dass Flüchtlingen ihre Familien zurücklassen. Tatzgern: "Oft kommen Frau oder Kinder aber ein paar Tage später nach."

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Abfahrt um 21 Uhr in Budapest, Ankunft am nächsten Morgen um sechs Uhr Früh in München. Der Euronight-Schnellzug EN462 hat sich zuletzt angesichts des anschwellenden Flüchtlingsstroms über den Balkan (siehe oben) zum begehrten Reisemittel für Asylwerber entwickelt, die in den Norden Europas wollen.

Vergangenen Sonntag hat die Polizei am Wiener Hauptbahnhof bei einem Zwischenstopp des Nachtzugs über 200 Flüchtlinge aus den Waggons geholt. Ein Zugbegleiter der ÖBB, die den EN462 an der ungarischen Grenze von den Kollegen des Nachbarlands übernehmen, hatte die Behörden alarmiert. "Der Grund dafür war, dass mehrere Personen ohne Fahrkarten unterwegs waren", sagt Christopher Seif, Sprecher der ÖBB für den Osten Österreichs.

Er betont: "Unsere Zugbegleiter machen sich dabei keinen Kopf, ob es sich um Flüchtlinge handelt oder nicht." Es sei aber inzwischen bekannt, dass "dieser Nachtzug gerne ausgesucht wird". Das wüsste auch das Innenministerium.

Dass diese Verbindung von Ungarn nach Deutschland gerne von Flüchtlingen gewählt wird, zeigen auch zwei weitere Großaufgriffe, die es zuletzt im EN462 gab. Vergangenen Mittwoch hat die Polizei in Salzburg 96 Flüchtlinge aus dem Zug geholt, wenige Tage zuvor waren es 84. In beiden Fällen haben Zugbegleiter der Deutschen Bahn (DB) die Polizei informiert, wie Rene Zumtobel, ÖBB-Sprecher für Westösterreich bestätigt. Die Deutschen übernehmen den Zug in Salzburg. Im ersten Fall hatten sie beklagt, dass der EN462 überfüllt sei. Und somit eine Einreise der Flüchtlinge nach Deutschland verhindert.

Immer wieder wird darüber spekuliert, dass deutsche Zugbegleiter nicht nur Tickets kontrollieren. Auf Anfrage bei der DB, ob Schaffner dazu angehalten sind, die deutschen Behörden über Flüchtlinge zu informieren, heißt es lediglich: "Wir arbeiten eng und vertrauensvoll mit der Bundespolizei zusammen und suchen gemeinsam nach Lösungen."