Chronik/Österreich

200 Jahre: Viel Lärm um die "Stille Nacht"

Seit der ersten Aufführung am Heiligen Abend 1818 in Oberndorf bei Salzburg ist "Stille Nacht" zu einem Inbegriff weihnachtlicher Besinnlichkeit geworden. 200 Jahre nach der Premiere wird es um das wohl bekannteste Weihnachtslied der Welt ein ganzes Jahr lang nicht still werden. Zahlreiche Veranstaltungen, eine Landesausstellung in den Stille-Nacht-Orten, eine Smartphone-App oder ein Musical mit Hollywood-Flair: Das Jubiläum 2018 soll nicht nur an die Entstehung des Lieds erinnern, sondern auch touristisch ein voller Erfolg werden.

"Frieden – ein spannendes Thema in Zeiten wie diesen", befindet Leo Bauernberger, Chef der Salzburger Land Tourismus Gesellschaft. Zudem sei Spiritualität "voll im Kommen". Mehr als eine Million Euro werde mit Partnern in die Vermarktung gesteckt. Schwerpunkte will man abgesehen von Europa in den USA und in China setzen.

Nach Salzburg locken soll die Gäste auch das Musical "Meine Stille Nacht", das am 24. November 2018 in der Felsenreitschule seine Premiere feiert. Für die Musik wurde ein Hollywood-Star engagiert: John Debney hat für mehr als 50 Filmproduktionen komponiert, darunter "Ice Age" oder "The Jungle Book". Das Stille-Nacht-Stück wird derzeit auf Englisch geschrieben. In Salzburg soll es auf Deutsch mit englischem Übertitel zu sehen sein. Nach zwölf Vorstellungen könnte die Produktion um die Welt gehen – Tourismuschef Bauernberger liebäugelt bereits mit dem Broadway in New York, dem Mekka des Musiktheaters.

In der Stadt Salzburg sorgt das Stück unter Touristikern nicht nur für Freude. Von einem "Overkill" in der Weihnachtszeit war auf einer Branchen-Veranstaltung die Rede – denn zur selben Zeit finden mehrere Adventsingen statt. Dass man sich die Zuschauer streitig machen könnte, glaubt zumindest der Intendant des Salzburger Landestheaters, Carl Philip von Maldeghem, nicht. "Ich glaube, das vertragen wir im Jubiläumsjahr", sagt er.

Hoffen auf den Papst

Was alle Beteiligten nicht müde werden zu betonen: Nicht der Kommerz, sondern die Friedensbotschaft stehe im Vordergrund. Die Krönung für das Stille-Nacht-Jahr wäre wohl ein Besuch von Papst Franziskus. Die offizielle Einladung habe zuletzt der Bundespräsident im Vatikan persönlich übergeben, sagt Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP). Auch wenn Österreich "auf der Reiseliste nicht ganz oben" stehe, hofft Haslauer auf die "Eigenwilligkeit" des Papstes, der nicht immer auf seine Berater höre. "Wenn er nicht kommt, gibt es auch Überlegungen, etwas in Rom zu machen."

Auch in der Stille-Nacht-Gemeinde Oberndorf laufen die Vorbereitungen fürs Jubiläum auf Hochtouren. Bürgermeister Peter Schröder (SPÖ) spricht von einem "Ganzjahresvorhaben": Vier wechselnde Ausstellungen im Stille-Nacht-Museum sind geplant, Mitte des Jahres soll ein "Friedenslauf" veranstaltet werden. Sogar die Aufnahme ins "Guiness-Buch der Rekorde" möchte man schaffen: Dazu werden Kinder Friedensbotschaften zeichnen. Die A3-Blätter sollen aneinandergereiht eine Länge von mehr als 1000 Metern erreichen. Touristisch erwartet sich Schröder keine Rekorde, denn Oberndorf habe ein Manko: "Wir bräuchten ein großes Hotel", meint er angesichts der wenigen Betten im Ort.

Als Konkurrenz empfindet Schröder die anderen Stille-Nacht-Gemeinden in Salzburg, Oberösterreich und Bayern daher nicht, auch wenn in Wagrain (Pongau) heute, Sonntag, ein neues Museum seine Pforten öffnet. Während sich jenes in Oberndorf Entstehung, erster Aufführung und Verbreitung von Stille Nacht widmet, liegt der Fokus in Wagrain auf dem Liedtext (siehe auch unten). Damit will man sich von bestehenden Museen unterscheiden: "Man soll ja nicht im Fischreservoir anderer fischen", erklärt Carola Schmidt vom örtlichen Kulturverein.

Vier Jahre lang hat Carola Schmidt für den Kulturverein Blaues Fenster an der Ausstellung zu Joseph Mohr, dem "Stille Nacht"-Textdichter und langjährigen Pfarrer von Wagrain, gearbeitet. Heute, Sonntag, wird das neue Museum im Pflegerschlössl eröffnet. Auf den 200 liegt der Fokus vor allem auf dem Liedtext. Als eines der bekanntesten Weihnachtslieder wurde es in mehr als 200 Sprachen übersetzt, der Text hat sich dadurch gewandelt: "Wir haben 15 Sprachen rückübersetzt, da stoßt man auf so manche Abwandlungen", erzählt Schmidt.

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Ein weiteres Projekt wurde mit der Salzburger Musik-Universität Mozarteum verwirklicht: "1818 entsprach Stille Nacht dem damaligen Zeitgeist", erklärt Schmidt. "Wir haben uns gefragt, wie das wohl heute klingen würde und ließen Musikstudenten das Weihnachtslied neu interpretieren – ein Wagnis, wenn man bedenkt, dass Stille Nacht als unantastbar gilt".

Zu einer Kommerzialisierung von Stille Nacht, wie sie manche Kritiker bereits festgestellt haben wollen, hat die Kunsthistorikerin eine klare Meinung: Die Intention des Lieds sei immer gewesen, dass es gesungen wird und so die Botschaft verbreitet wird. "Ob diese Verbreitung nun über die Kirche oder touristische Strömungen geschieht, spielt keine Rolle", sagt Schmidt.