Chronik/Niederösterreich

Erlauftalbahn: Alle 325 Meter ein Bahnübergang

Wenn Lokführer Anton Zöchling auf der Erlauftalbahn in Niederösterreich unterwegs ist, sind auf der 37 Kilometer langen Strecke nicht nur seine Fachkenntnisse, sondern vor allem Disziplin und Aufmerksamkeit gefragt. "Die Nebenstrecken sind gefährlicher als die Westbahn, weil es hier viele Bahnübergänge gibt", sagt Zöchling. An Bord hat er keine gewöhnlichen Passagiere, sondern ausnahmsweise zehn Pkw-Fahrprüfer aus Wien, die den Perspektivenwechsel dafür nutzen wollen, um zu erfahren, wie es ist, wenn sie Bahnübergänge nicht als Autofahrer, sondern aus dem Führerstand zu sehen bekommen.

Während es auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke keine Bahnkreuzungen gibt, wimmelt es auf der Erlauftalbahn nur so vor Übergängen. Alleine zwischen Pöchlarn und Scheibbs befinden sich auf einer Länge von 27 Kilometern 84 Bahnübergänge. Im Schnitt taucht alle 325 Meter einer auf. "Daher birgt die Strecke viel Gefahrenpotenzial. Man darf sich als Lokführer keinen einzigen Fehler erlauben", erklärt Zöchling. Heikel ist sein Job deswegen, weil während der Fahrt nicht nur das Tempo zu regeln ist, sondern eine Reihe von Aufgaben zu erledigen sind: Gefahrenquellen einschätzen, elektronische Signale richtig deuten, Fahrerlaubnisse für weitere Streckenabschnitte abfragen, Pfeiftöne in speziellen Bereichen abgeben und Protokoll schreiben.

Beeindruckt

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"Es ist interessant zu sehen, wie groß der Stress ist. Ich dachte, ein Lokführer muss nur fahren", sagt Manfred Simettinger, Fahrprüfer aus Wien. Auch Kollege Friedrich Kamenik ist beeindruckt: "Dazu kommt noch der Zeitdruck wegen des straffen Fahrplans." Umso wichtiger sei das richtige Verhalten der Verkehrsteilnehmer vor Bahnkreuzungen. "Ein Pkw-Lenker muss immer mitdenken. Wenn ein Zug zu bremsen beginnt, ist es eigentlich schon zu spät", sagt Herbert Wiedermann, Spartenobmann der Fahrschulen in der Wirtschaftskammer. Man müsse wissen, dass eine Taurus-Lok einen etwa zehn Mal längeren Bremsweg (600 bis 700 Meter) hat als ein Auto. Denn: "Zwischen Reifen und Asphalt entsteht mehr Reibung als bei Stahl auf Stahl", weiß Pkw-Lenkerprüfer Erwin Wannenmacher. Weil ein Zug natürlich nicht ausweichen könne, würde das Ignorieren von Stopptafel oder Schranken oft fatal enden.

Sonderfahrt

Mit der Sonderfahrt für Pkw-Fahrprüfer, die Teil der Sicherheitskampagne der ÖBB ist, will man das Bewusstsein für das richtige Verhalten vor Bahnübergängen schärfen. "Wir sehen die Prüfer als Multiplikatoren, die ihre Infos an Schüler weitergeben", sagt Herbert Ofner, Zuständiger für Thema Sicherheit in der ÖBB Infrastruktur AG.

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Trotzdem steht für die Bundesbahnen fest: "Die sicherste Kreuzung ist, wenn keine Kreuzung nötig ist", betont Ofner. Deswegen investieren die ÖBB pro Jahr ungefähr 25 Millionen Euro, um die Zahl der Bahnübergänge reduzieren zu können. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist die Zahl der Bahnkreuzungen bundesweit von 6100 auf rund 3300 nahezu halbiert worden. Alleine im Vorjahr wurden rund 120 Bahnübergänge stillgelegt.

Das große Ziel ist, die Todesfälle zu minimieren. Starben 2008 bei 108 Unfällen 19 Personen, so gab es 2014 bei 61 Unfällen neun Tote. Kamen 2015 bei 70 Unfällen 18 Menschen ums Leben, so wurden 2016 bei 74 Unfällen neun Personen getötet.