Chronik

Der erste grüne Stadtchef lebt im urbanen Dorf

Am Tag nach seinem sensationellen Erfolg ist auch der sonst immer in sich ruhende Georg Willi ein wenig gestresst. Seit dem frühen Morgen hetzt der neue Bürgermeister von Innsbruck und erste grüne Stadtchef Österreichs mit dem Rad von einem Interview-Termin zum nächsten.

Nur wenige Stunden zuvor hat er noch groß gefeiert. Mit Bob DylansThe Times They Are a-Changin“ und unter frenetischem Jubel seiner Anhänger wurde Willi am Sonntagabend im Kulturzentrum Treibhaus empfangen. Und weil der 59-Jährige ausgerechnet an seinem Geburtstag das Stichwahl-Duell gegen die bisherige Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer (Für Innsbruck) für sich entscheiden konnte, gab es noch ein Happy-Birthday-Ständchen oben drauf.

Jetzt sitzt er auf der Terrasse seiner Wohnung in Hötting. Auf einer Anhöhe gelegen und nur wenige Minuten vom urbanen Zentrum entfernt ist dieser Stadtteil bis heute auch noch dörflich geprägt. Und hier liegt auch eine der Erklärungen dafür, dass der Inbegriff des bürgerlichen Grünen weit über das Kernklientel seiner Partei hinauswirkt. „Hötting ist sehr prägend für mich. Hier erlebt man das Dorf in der Stadt. Es gibt Zusammenhalt und ein Kulturleben“, sagt Willi, der in seiner Freizeit einen Kirchenchor leitet.

Mit dem Burenwirt verfügt Hötting auch über ein „Dorfgasthaus“. „Hier trifft sich der alteingesessene Bauer mit Studenten und zugezogenen Akademikern. Und alle reden miteinander“, erklärt der Grüne, der von sich sagt, dass er gerne zuhört und der verspricht, dass es in der Stadt in Zukunft „echte Bürgerbeteiligung und nicht nur Bürgerinformation geben wird“.

Leistbarer Wohnraum

Von Willis Garten aus lässt sich auch das brennendste Problem Innsbrucks mit einem Blick erkennen. Zwischen den Bergen wird es aufgrund des Wachstums der Stadt immer enger. Leistbares Wohnen zu ermöglichen, hat der neue Bürgermeister zum vordringlichsten Ziel erklärt.

„Da brennt der Hut schon fast“, sagt Willi, der im Wahlkampf den Neubau von 8000 Wohnungen versprochen hat. „Aber wir brauchen auch Dorfplätze in den wachsenden Stadtteilen und Infrastruktur von Gasthäusern bis zu Geschäften.“

Mit Begegnungsräumen möchte Willi die Vorzüge des Dorfs mit jenen der Stadt verbinden: Für ihn sind das „Vielfalt, Buntheit und Experimentierfreudigkeit“. Beim Radwegenetz dient dem Verkehrsexperten die niederländische Bike-Metropole Utrecht als Vorbild.

Doch vorerst gilt es, eine tragfähige Koalition zu bilden. Und das wird angesichts eines in zehn Listen zersplitterten Gemeinderats schwierig genug. Heute, Dienstag, startet der neue Bürgermeister die Sondierungsgespräche und würde am liebsten die bisherige Regierung mit ÖVP, Für Innsbruck und SPÖ fortsetzen. Kommende Woche solle die Regierung bereits stehen. Am 24. Mai tritt der Gemeinderat zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen.