Tauchen zwischen Riffen und Rochen: Mehr als nur Urlaub
Tauchen heißt, in fremde Welten einzutauchen – von der Wildnis in der Tiefe im Südpazifik über historische Wracks in Griechenland bis zu Teufelsrochen in Mexiko.
von Nicola Afchar-Negad
Das Licht fällt gebrochen durch das Wasser, flimmert in Streifen. Die Farben verändern sich, Rot, Orange, Gelb lösen sich auf, das Blau wird immer dominanter, dunkler. Man hört: nichts. Nur sich selbst, den eigenen Atem. Wer einmal getaucht ist, weiß: Das Gefühl ist schwer zu beschreiben, „wie in einer anderen Welt“ liegt nahe.
Und man versteht sehr schnell: Als Mensch ist man unter Wasser nur zu Gast, in einem fremden Element, in dem man ohne Druckluftflasche am Rücken keine Chance hätte.
33 Millionen Scuba-Tauchgänge im Meer soll es einer 2025 erschienenen Studie zufolge pro Jahr geben. 62 Prozent dieser sogenannten „Freizeittauchgänge“ finden im globalen Süden statt – Ägypten, Thailand und die USA liegen auf den vorderen Plätzen. Wirklich interessant wird es aber, wenn Orte ins Spiel kommen, die man vielleicht nicht sofort auf der Weltkarte verorten kann, noch nie gehört hat – oder zumindest nicht in diesem Zusammenhang.
Beliebtes Revier und ein wirklich erhellendes Erlebnis: Los Cabos im Süden der Halbinsel Baja California Sur, Mexiko
©los cabos tourism board/jay clue/dive ninja expeditionsMontenegro zum Beispiel. Konkret: Das Resort „One&Only Portonovi“, dessen „Wonders of the Sea“-Tour in die Tunnelstrukturen alter jugoslawischer Unterwasserhöhlen führt. Zu Zeiten der ehemaligen Sozialistischen Republik Jugoslawien dienten die Höhlen als Versteck für U-Boote und Schiffe, ein Wrack aus dem Ersten Weltkrieg liegt in einer Tiefe von 18 bis 22 Metern.
Oder das zur selben Luxusmarke gehörende „One&Only Kéa Island“, nur eine Stunde von Athen entfernt. Hier liegt die 1916 gesunkene HMHS Britannic, das Schwesterschiff der Titanic, am Grund des saphirgrünen Ägäischen Meeres in 120 Metern Tiefe.
Sie gilt als das größte zugängliche Passagierschiffwrack der Welt und ist Teil eines neuen historischen Marine-Schutzgebiets, in dem auch die Wracks der Burdigala und Patris liegen. Gäste des Resorts, die das Besondere suchen und die nötige Erfahrung haben – also weit mehr als Hobbytaucher –, können das Wrack in Begleitung eines erfahrenen Tauchlehrers und mit Spezialausrüstung erkunden.
Ein Privileg kostet
„Luxus-Resorts und -Tauch-Safaris sind nach wie vor stark im Kommen“, bestätigt auch Andrea Kremlhofer, Gründerin und Geschäftsführerin des Spezial-Reisebüros Tauchreisen.at. Die Nachfrage nach Budget-Produkten gehe dagegen zurück.
Notgedrungen möchte man fast ergänzen beziehungsweise annehmen. Die Klimakrise-Katastrophenmeldungen sind im Gedächtnis verankert. Gerade mal 15 Prozent der Tauchgebiete sollen geschützt sein, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2025.
Wie in einer anderen Welt: Gerätetaucher über einem Riffschwamm in der Karibik
©Sandals Resorts„Wenn ein Meeresgebiet geschützt ist, kommen mehr Freizeittaucher – und sie zahlen mehr für das Privileg, spektakuläres Unterwasserleben zu erleben“, wird der Hauptautor der Studie, Wissenschaftler Reniel Cabral, zitiert.
Die Reisebüro-Gründerin sieht das Ganze differenziert. „Möchte man in Gebieten tauchen, in denen es noch eine breite Palette an Fischen zu sehen gibt, kommt man um die Gebühren nicht herum.“
Aber: „Schutzgebiete erheben oft hohe Marinegebühren, während der tatsächliche Schutz der Riffe nicht immer proportional dazu ist.“
Red flags: Barzahlung ohne Quittung, Ranger auf Tauchstation, Ankern auf Riffen, tolerierte Fischerei. Sind NGOs im Spiel, ist das tendenziell ein gutes Zeichen. Gerade die High-End-Hotellerie setzt sehr stark auf solche Kooperationen oder eigene Initiativen. Beispiel „Le Méridien Maldives Resort & Spa“.
Nah dran: Das nennt man einen perfekten Moment
©mauritius images / imageBROKER / Norbert Probst/imageBROKER / Norbert Probst/mauritius imagesIm „Marine Conservation Hub“ arbeitet ein Team rund um den ansässigen Meeresbiologen Cesar Briliandi an Projekten zum Schutz der Riffe, Schildkröten und Seegraswiesen. Wer mag, kann vor Ort mithelfen.
Das Sirru Fen Fushi an einer 600 Hektar großen Lagune im Shaviyani-Atoll im Norden des Inselstaates kooperiert mit dem „Olive Ridley Project“ – gemeinsam wird gezählt und belegt, dass die Schildkröten-Population seit Jahren steigt.
In der Karibik, konkret auf Granada, betreibt Aquanauts Grenada aktiven Riffschutz, indem sie invasive Rotfeuerfische gezielt entfernen, Naturschutz-Tauchgänge einplanen und lokale Jugendliche in Meeresmonitoring und Schutzarbeit ausbilden.
Ebenfalls auf Grenada: das „Sandals Resort“, eine familiengeführte Hotelgruppe mit 17 Standorten in der Karibik und einem der führenden Resort-Tauchprogramme der Gegend.
Szenenwechsel: Grenada steht für intime Riffe, geschützte Spots und Tauchgänge in kleinen Gruppen. Los Cabos im Süden der Halbinsel Baja California Sur zeigt das Meer in großem Maßstab: Dort, wo Ozean auf Wüste trifft, begegnet man der Unterwasserwelt in außergewöhnlicher Dichte und Dynamik.
Der Cabo Pulmo gilt als einer der artenreichsten Marineparks Mexikos, mit „Großfischpotenzial“, wie es Touristiker vorsichtig nennen.
In bester Begleitung: Die „Sandals Resorts“ bieten Tauchprogramme in der Karibik an.
©Sandals ResortsNaturphänomen beobachten
Auch Kremlhofer erwähnt Baja California Sur. Konkret beim Gespräch über saisonale Ereignisse, wie die „Mobula Migration“: Ein spektakuläres Naturphänomen, bei dem sich große Schwärme von Mobula-Rochen in den Gewässern des Golfs von Kalifornien/Sea of Cortez versammeln.
Normalerweise so im Mai und Juni, aber vergangenes Jahr etwa deutlich früher, eben „wenn es die Natur für richtig empfindet“. So eine Saison-Show zieht. Die Ost-Österreicherin bringt auch Orcas in Norwegen (November bis circa Februar) oder Mondfische in Alor/Indonesien (etwa Juli bis Oktober, zu Voll- und Neumond) ins Spiel.
Interessant in diesem Zusammenhang auch das 2025 erschienene Buch „Jetzt. Hier. Perfekt“ (Kunth Verlag).
Nur zwei Beispiele daraus: Wie klingt die jährliche Ankunft der Walhaie in Donsol (philippinische Insel Luzon), jeweils zwischen Februar und April oder später im Jahr das Beobachten der Buntbarsche während der Brutpflege im afrikanischen Malawisee („Gottes Aquarium“)?
Hotels wie „InterContinental“ arbeiten mit Forschungseinrichtungen wie „Manta Trust“ zusammen – wie hier auf den Malediven
©Manta TrustGelegenheiten für solche „Einmal-im-Leben-Momente“ gibt es reichlich – und wer kann, sollte sie aus dem Alltagstümpel herausfischen. Kremlhofer selbst hat über 2.000 Tauchtrips absolviert. Es komme immer darauf an, was genau man sehen wolle, ihre persönlichen Favoriten stehen dennoch: die Atolle Französisch-Polynesiens im Pazifik, die Alor und Banda See in Indonesien sowie Galápagos und Malpelo im östlichen Pazifik.
Am Ende zählt nur eins: Wer die Chance hat, in diese fragil-filigranen Welten einzutauchen, sollte sie nutzen – der Ozean wartet, aber nicht ewig.
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