Wirtschaft/Karriere

Wie bitte, Herr Direktor?

Sie sitzen im Plenum und lauschen dem CEO. Die Beine überkreuz nicken sie interessiert, runzeln die Stirn. Das sollten sie auch, schließlich geht es um ihr Unternehmen, dessen Entwicklung vom Vorstand gerade am Podium besprochen wird. Doch das scheinbare Interesse der Aktionäre bei der Hauptversammlung ist nur Fassade. Keiner will sich die Blöße geben. Denn: Die meisten verstehen nur Bahnhof.

Das liegt nicht an einer Unkenntnis des Marktes oder etwaigen Wissenslücken, was das Unternehmen betrifft. Es liegt am Sprech der Chefs. Die Universität Stuttgart-Hohenheim hörte im Frühjahr 2014 ganz genau bei den Reden der 30 DAX-Vorstände hin. Und veröffentlichte die Schauder-Sätze der Chefs kürzlich in einer Studie.

Das Ergebnis: Die Konzernlenker schnitten in puncto Verständlichkeit nur durchschnittlich ab. Um ihnen zu folgen, braucht man viel Geduld und manchmal auch Fantasie. Mit dabei sind Fauxpas wie über 50 Wörter lange Sätze (etwa von Norbert Steiner, Chef von K+S), unbeendete Sätze (mehrere Urheber), wilde Wortkreationen wie "Ergebnisabführungsverträge" (geht auf die Kappe von Stefan Heidenreich, Chef von Beiersdorf) oder "On-Premise-Geschäftsmodelle" (Copyright Bill McDermott, CEO von SAP).

Ob sie ihren eigenen Reden folgen könnten? Peinlich für die Bosse, schließlich sollte man meinen, dass gerade sie Klartext beherrschen. Findet auch Frank Brettschneider, Leiter der Studie. Er meint, Chefs verpassen damit eine Chance, die breite Öffentlichkeit zu erreichen. "Nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen", erklärt er. Der Schlüssel zum Klartext seien kurze Sätze, gebräuchliche Begriffe und übersetzte Fachbegriffe. Fakt ist: Hauptversammlungen gelten als wichtigste Termine der Vorstandsvorsitzenden. Anteilseigner wollen sich ein Bild über die Zukunft ihrer Investition machen. Hier sind klare Worte gefragt. Warum dann das Durcheinander?

Wolfgang Pappler, Leiter der Rhetorik Akademie Wien, unterstellt den Managern keineswegs Unfähigkeit, sich deutlich ausdrücken zu können. Auch seien banale Floskeln oder nicht enden wollende Sätze keine Absicht, um den Zuhörer zu irritieren. "Oftmals ist es schlicht die Unwissenheit hinsichtlich der Wichtigkeit der Sprache und der zielorientierten, präzisen Formulierung." Die Coachingbereiche Kommunikation und Präsentation würden in den Chef-Etagen noch immer zu wenig Aufmerksamkeit finden. Dabei läge in klarer Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg. Verständliches Reden macht transparent und schafft Sicherheit. "Vertrauen in die Botschaft zu lenken, wird von den Managern oftmals dem Zufall überlassen", so der Kommunikationsexperte. Und welche Themen werden in Vorstandsetagen schon sonst dem Zufall überlassen?

Die meisten irritierten Gesichter hinterließ nach seinem Vortrag übrigens Linde-AG-Konzernchef Wolfgang Reitzl. Kaum jemand verstand, was mit dem Millionen-Unternehmen eigentlich passiert. Das muss sich ändern, denn das Reden in Rätseln nützt niemandem, nirgendwo. "Am ehesten gefällt der Fachkauderwelsch noch jenem Selbstdarsteller, der meint, mit dieser heißen Luft imponieren zu können", so Pappler. Zum einen schaffe eine falsche oder nicht verstandene Botschaft Spielraum für Eigeninterpretation. Zum anderen aber – und das ist der schlimmste Fall – kann durch sie (nicht nur an der Börse) ein enormer betriebswirtschaftlicher Schaden entstehen.