Sport/Wintersport

Morgenstern erneut schwer gestürzt

Um 13 Uhr wurde es an der mächtigen Skiflugschanze am Kulm still. Thomas Morgenstern war gerade zu seinem zweiten Trainingssprung abgesprungen, als es ihm den linken Ski verdrehte. Der 27-jährige Kärntner krachte mit dem Rücken auf den Aufsprunghügel und überschlug sich dann mehrere Male, bis er bewusstlos im Auslauf liegen blieb (zum Video). „Ich habe so einen Sturz noch nicht gesehen, ich habe nur gehofft, dass er den Ski wieder fangen kann“, sagte Simon Ammann.

Alle Inhalte anzeigen

Schon schnell gab es ein leichtes Aufatmen. ÖSV-Physio Herbert Leitner war als einer der Ersten bei Morgenstern. „Er war nur kurz bewusstlos, danach aber wieder ansprechbar. Er wollte von mir wissen, was passiert ist.“ Morgenstern wurde ärztlich versorgt, danach ins Krankenhaus nach Bad Aussee gefahren, dort stabilisiert und schließlich mit dem Rettungshubschrauber ins Unfallkrankenhaus nach Salzburg geflogen.

Ansprechbar

Um 17 Uhr gab es dort von Primar Josef Obrist die erste Diagnose: „Er befindet sich durchaus in kritischem Zustand und muss ständig überwacht werden. “ Zumindest 72 Stunden. Morgenstern erlitt eine schwere Schädelverletzung und Lungenquetschung. Morgenstern wurde nicht ins künstliche Koma versetzt, wurde aber gemäß eines Schädel-Hirn-Traumas behandelt.

Am späteren Abend wurde der Zustand des Kärntners dann als stabil beschrieben. In einem Bericht der ORF-Nachrichtensendung Zeit im Bild 2 hieß es, laut aktueller Auskunft der behandelnden Ärzte sei der Kärntner bei vollem Bewusstsein und er antworte auf Fragen der Mediziner zielgerichtet, weshalb kein Vergleich mit der Verletzung von Michael Schumacher gezogen werden könne. Die Lungenquetschung solle demnach kein großes Problem sein.

Allerdings habe der 27-Jährige Glück gehabt, dass er keine schweren Rücken- oder Wirbelverletzungen davongetragen haben. In ähnlichen Fällen wären auch schon Querschnittslähmungen vorgekommen.

Was war aber der Grund des Unfalls? Einen Materialfehler schloss man vorerst aus. „Wir müssen es erst analysieren, aber offenbar haben sich die Skier kurz berührt. Da sind der Athlet und der Trainer machtlos“, erklärte Pointner. Andreas Goldberger fügte hinzu: „Morgi hat extrem attackiert.“ Der ehemalige Spitzenspringer und aktuelle TV-Experte verfolgte den Sprung von Morgenstern auf einem Monitor im Athletendorf. „Nach dem Sturz war es ganz still, alle waren sprachlos.“

Die Kräfte, die beim Skispringen wirken, erklärte Martin Koch so: „Wenn man beim Autofahren bei 120 Stundenkilometern die Hand aus dem Fenster streckt, spürt man, wie stark sie einem runtergedrückt wird. Auf einem so breiten Ski sind die Kräfte weit stärker.“ Der Kärntner hatte den Sturz seines Landsmanns im Fernsehen gesehen. Wie ging es ihm dann, als er wieder im Anlauf stand? „Wenn du runter willst, musst du das ausblenden können.“ Gregor Schlierenzauer war nicht unglücklich darüber, dass er den Sturz nicht gesehen hatte. „Ich hab’ mir gerade die Ski angeschnallt. Gott sei Dank habe ich nichts mitbekommen.“

Verwundbar

Wolfgang Loitzl war auf dem Weg zu den Springer-Containern. „Da hab’ ich nur den Stadionsprecher gehört, dann war es so still. Da wusste ich, dass etwas passiert ist. Es ist schon bitter, wenn du zwei Mal in Topform bist und zwei solche Brez’n reißt.“

Für Morgenstern ist es der zweite schwere Sturz in der Olympia-Saison. Beim Bewerb in Titisee-Neustadt im Dezember war der Kärntner einen Tag nach seinem Sieg im ersten Bewerb nach der Landung zu Sturz gekommen. Bei der Vierschanzentournee gab der ÖSV-Adler aber schon wieder sein Comeback und beendete die Tournee auf Rang zwei.

Das ganze Jahr 2013 war unter keinem guten Stern gestanden. Private Turbulenzen, gesundheitliche Probleme und der Sturz nach dem Höhenflug hatten ihn zur Bemerkung veranlasst: „Ich bin froh, wenn der Dreier weg ist.“ Das Jahr 2014 begann auch mit Aufwind. Nach seinem Erfolg bei der Vierschanzentournee verbrachte er zwei Tage mit seiner einjährigen Tochter. Und er freute sich schon auf das Skifliegen am Kulm, es war sein erstes seit fast zwei Jahren, seit März 2011 in Planica. „Skifliegen fühlt sich an, als ob du auf einer Welle schwebst“, erklärte er die Faszination des Traums vom Fliegen. Doch am Freitag hat ihn die Welle brutal abgeworfen, aus dem Traum wurde ein schmerzhafter Albtraum.

Höhen und Tiefen von Thomas Morgenstern

Alle Inhalte anzeigen

Das ÖSV-Skisprungteam hat sich in der Qualifikation für den Skiflug-Weltcup am Kulm trotz des schweren Sturzes von Thomas Morgenstern gut präsentiert. Alle sechs angetretenen Österreicher sind am Samstag im ersten von zwei Bewerben bei Bad Mitterndorf/Tauplitz dabei. Die Bestweite ging mit 194,5 m auf das Konto von Weltmeister Robert Kranjec aus Slowenien.

Gregor Schlierenzauer (183 m) hatte seinen Startplatz fix, Wolfgang Loitzl (4./189 m), Michael Hayböck (5.) und Stefan Kraft (6.) schafften souverän die Qualifikation. Martin Koch und Manuel Poppinger belegten die Ränge 18 und 19. "Man darf nicht vergessen, dass es eine schwierige Situation für die ganze Mannschaft war. Es ist nicht einfach, wenn ein Kollege und Freund bewusstlos im Auslauf liegt. Jeder hat annähernd das abgerufen, wozu er imstande war", sagte Cheftrainer Alexander Pointner und bezeichnete Morgenstern als das "Herz der Mannschaft".

Während Morgenstern von Bad Aussee ins UKH Salzburg überstellt wurde mussten seine Kollegen erneut über die größte Naturschanze der Welt. "Gott sei Dank habe ich den schweren Sturz nicht gesehen, ich habe mir gerade die Schuhe zugemacht", sagte Schlierenzauer, der seinen letzten Trainingssprung nach dem Morgenstern-Sturz absolvieren musste.

In der für ihn belanglosen Qualifikation zeigte sich der Rekord-Gewinner von 14 Weltcup-Skifliegen noch nicht von seiner besten Seite. "Man tastet sich heran, so richtig abgegangen ist noch keiner", sagte der Weltmeister von 2008.

Chance für Koch

Martin Koch bekam nach bisher mäßigen Leistungen erstmals eine Chance im Weltcup. "Es ist noch nicht sehr gut gegangen", erklärte der WM-Dritte von 2012. "Wenn ein Freund bewusstlos im Auslauf liegt, kann man nicht cool bleiben. Ich hoffe für Thomas, dass es nicht so dramatisch ist, wie es ausgesehen hat."

Lokalmatador Loitzl steigerte sich in der Qualifikation gegenüber dem Training enorm. Er hatte auch Morgensterns Sturz in Titisee-Neustadt aus nächster Nähe miterlebt. Es sei schwierig, in so einer Situation den Kopf freizubekommen. "Aber man muss sich auf sich selbst konzentrieren und das Beste daraus machen", betonte der 33-jährige Mitterndorfer.

Von der Elite fehlen am Kulm neben dem Tourneesieger Thomas Diethart auch die Norweger Anders Bardal und Anders Jacobsen sowie die Japaner Taku Takeuchi und Daiki Ito.

Qualifikation am Kulm
1. Robert Kranjec (SLO) 179,3 Punkte (194,5 m)
2. Jurij Tepes (SLO) 176,1 (192,0)
3. Antonin Hajek (CZE) 170,6 (186,0)
4. Wolfgang Loitzl (AUT) 170,4 (189,0)
5. Michael Hayböck (AUT) 170,2 (187,0)
6. Stefan Kraft (AUT) 169,5 (188,5)
Weiter:
18. Martin Koch (AUT) 152,6 (174,5)
19. Manuel Poppinger (AUT) 152,3 (173,5)
Fix qualifiziert u.a.:
Peter Prevc (SLO) 188,0 m
Simon Ammann (SUI) 187,5
Piotr Zyla (POL) 186,0
Jan Ziobro (POL) 183,5
Gregor Schlierenzauer (AUT) 183,0
Alle Inhalte anzeigen

Thomas Morgenstern, zu Wochenbeginn für Platz zwei bejubelt, doch am Freitag zum zweiten Mal innerhalb von einem Monat schwer gestürzt! So schnell können Helden zu Opfern werden. Und so schnell wird hoffentlich die Kritik jener verstummen, die den von Springercoach Alexander Pointner angeordneten Startverzicht von Tournee-Sensationssieger Thomas Diethart am Kulm nicht begreifen wollten.

Sogar eine billige ÖSV-List, wonach ein Flachländer dem Tiroler Gregor Schlierenzauer nicht erneut die Show stehlen dürfe, wurde in die Entscheidung des Tirolers Pointner hineininterpretiert. Dabei hatte der mit dem Instinkt des Fachmannes ein Skiflieger-Debüt von Shootingstar Diethart so kurz nach dem Trubel nur für überflüssig riskant gehalten. Aber zu vorschnellen Ferndiagnosen neigen nicht nur Skeptiker im Patschenkino, sondern auch Profis.

So verdächtigt ein Schweizer Arzt via Schweizer Medien von Zürich aus die französischen Kollegen in Grenoble, Michael Schumacher falsch zu behandeln. Und so ärgert es ÖSV-Trainer Rainer Gstrein sehr, wenn Reporter versuchen, Parallelen zwischen seiner und Schumachers Verletzung zu ziehen.

„Dabei sind unsere Fälle nicht vergleichbar“, sagt Gstrein, der inzwischen nur noch vom Tiroler Föhn Kopfweh bekommt.

Am letzten Rennsonntag der Saison (7. April 2013) krachte Gstrein, als die Leute am Pitztaler Gletscher an der Seilbahnstation Schlange standen und er sich deshalb zur Talfahrt auf Skiern entschloss, im Nebel gegen einen Eisbrocken. Hubschrauber-Bergung unmöglich. Gstrein fiel vorübergehend ins Koma. Doch am Freitag, 278 Tage danach, meldete er sich in Adelboden zum Weltcup-Dienst zurück. Benjamin Raichs Lieblingscoach kann wieder Pisten-Kommandos geben, darf wieder Ski anschnallen.

Gstrein, 57, ist nach dem zum Sportdirektor aufgestiegenen Hans Pum der dienstälteste Trainer. Er setzte schon Rennkurse, als manche noch ohne Kopfschutz starteten. Und als Nicht-Rennfahrer, die Sturzhelme trugen, Kopfschütteln auslösten. Heute ist das umgekehrt.