Sport/Fußball

Europa League: Warum Salzburg auf Finale hoffen darf

„Aufgegeben wird nur ein Brief“ heißt es in einem Sprichwort, das natürlich schon ziemlich antiquiert ist. Denn wer gibt heute schon noch in den Zeiten der drahtlosen Kommunikation einen Brief auf? Doch „Abgeschickt wird nur ein eMail“ passt dann halt doch nicht so gut, wenn man umschreiben will, dass man doch noch an seine Chance glaubt, auch wenn diese nicht mehr wirklich groß ist.

Genau das machen die Salzburger nach der 0:2-Niederlage im Semifinal-Hinspiel der Europa League bei Olympique Marseille. Es bleibt ihnen aber auch nichts anderes übrig. „Wenn eines zu unserer DNA gehört, dann ist es, nicht aufzugeben“, meinte Trainer Marco Rose schon kurz nach dem Hinspiel im Hexenkessel Stade Vélodrome, in dem sich die beherzt auftretenden Salzburger ein wesentlich besseres Ergebnis verdient gehabt hätten.

Zwei-Tore-Rückstand

So muss Österreichs Serienmeister am Donnerstag in der längst ausverkauften Red-Bull-Arena einem Zwei-Tore-Rückstand nachlaufen – wie schon im Viertelfinale gegen Lazio Rom. Anders als gegen die Italiener (2:4 im Hinspiel) haben die Salzburger in Marseille allerdings kein Auswärtstor geschossen, das bei Ergebnisgleichstand nach 180 Minuten den Ausschlag geben würde.

Und trotzdem: Salzburg ist noch lange nicht ausgeschieden. Was macht Hoffnung für das zweite Duell? Was muss alles anders laufen, damit es doch noch klappt mit dem ersten Einzug einer österreichischen Mannschaft in ein Europacup-Finale seit Rapid im Jahr 1996?

Der Gegner

Eines hat das Hinspiel gezeigt: Olympique hat nicht die Qualität von Lazio. Während Salzburg in Rom eine höhere Niederlage als das 2:4 verdient gehabt hätte, war das 0:2 in Marseille unverdient. Die Franzosen konnten in keiner Phase des Spiels Druck ausüben wie die Italiener in der Endphase des Viertelfinal-Hinspiel. Marseille ist dank Dimitri Payet gefährlich bei Standards. Das wussten die Salzburger schon vor dem Semifinale. Die gilt es noch konsequenter zu vermeiden – besonders in der Startphase des zweiten Duells, denn ein frühes Olympique-Tor würde die Sache sicher nicht erleichtern.

Die Heimstärke

Die Red-Bull-Arena ist schon lange eine Festung – und sie war dies auch in dieser Europa-League-Saison. Die drei Heimspiele in der K.-o.-Phase brachten zwei Heimsiege (2:1 gegen Real Sociedad, 4:1 gegen Lazio) und ein Remis (0:0 gegen Dortmund). Aber Achtung: Die letzte Heimniederlage im Europacup setzte es mit einem 0:1 gegen OSC Nizza just gegen eine französische Mannschaft. Das ist aber schon ziemlich lange her, es passierte im Oktober 2016 – seither ist Salzburg immerhin schon zehn Europacup-Heimspiele ungeschlagen geblieben. Die Erfolgsbilanz lautet sieben Siege und drei Unentschieden.

Das Glück

Dieses war in dieser Europa-League-Saison ein durchaus treuer Salzburg-Begleiter gewesen – bis Donnerstag. In der südfranzösischen Metropole hatte die Mannschaft von Trainer Rose Pech: mit einem Stangenschuss und besonders mit einer falschen Schiedsrichterentscheidung. Die Attacke an Stefan Lainer im Marseille-Strafraum wäre mit einem Strafstoß zu ahnden gewesen. Aber anders als in den bisherigen Europacup-Duellen in diesem Jahr gegen Real Sociedad, Borussia Dortmund und gegen Lazio bekamen die Salzburger dieses Mal keinen Elfmeter zugesprochen.

Die Erfahrung

Dass Salzburg erst vor Kurzem in einem Europa-League-Duell einen Zwei-Tore-Rückstand aus dem Hinspiel wettgemacht hat, ist sicher kein Nachteil. Gegen Lazio verloren die Salzburger auch nicht die Nerven, als die Italiener in der Red-Bull-Arena in Führung gegangen waren, obwohl da schon eine Stunde gespielt war. Ein 0:1-Rückstand würde – wie geschrieben – die Sache auch gegen Marseille nicht erleichtern, aber wer gegen eine italienische Mannschaft in so kurzer Zeit vier Tore erzielen kann, der kann das erst recht auch gegen eine französische. Und ein 4:1-Erfolg würde zum Finaleinzug reichen.

Die Stimmung

Normalerweise ist die Atmosphäre in der Red-Bull-Arena nicht gerade prickelnd. Bei 5000 bis 7000 Zuschauern, die sich bei Bundesliga-Spielen nach Wals-Siezenheim normalerweise verirren, ist das EM-Stadion natürlich viel zu groß. Sind aber die steilen Ränge einmal voll besetzt, also fast 30.000 Besucher live dabei, kann auch in der Red-Bull-Arena die Stimmung Flügel verleihen. Gegen Lazio Rom hat die Symbiose Spieler – Fans perfekt funktioniert. Ähnlich muss dies auch am Donnerstag ab dem Anpfiff um 21.05 Uhr klappen.

Der Schiedsrichter

William Collum hatte im Hinspiel am Donnerstag alles andere als einen guten Tag erwischt. Dass ein Elfer für die Salzburger nicht gegeben worden ist, war nur das negative Highlight seiner schwachen Vorstellung. Der Schotte hatte keine Linie, er pfiff vogelwild. Deshalb war es auch schwer, sich auf seine Spielleitung einzustellen – besonders für eine Mannschaft mit einem so aggressiven Spielstil, wie ihn Salzburg pflegt. Aber Collum leitet nicht auch das Rückspiel. Und der von der UEFA eingeteilte Russe Sergej Karasaev kann es in der Red-Bull-Arena eigentlich nur besser machen.

Die Effizienz

Auf dem Niveau, auf dem die Salzburger derzeit mitspielen dürfen, bekommt eine Mannschaft nur ganz wenige Großchancen. Kommt man dann alleine vor dem Torhüter zum Schuss wie etwa U-21-Teamspieler Hannes Wolf im Hinspiel, muss man diesen auch verwerten. Effizienz ist das Zauberwort. Und diese werden die Salzburger in einem Maße wie gegen Lazio brauchen, damit ihnen noch einmal eine unfassbare Aufholjagd wie gegen die Römer gelingen kann.