Politik/Inland

"Frau Gertrude" und ihre gerettete Würde

Sie werden gehalten wie Tiere. Sie müssen ungewaschene Leinensachen tragen, die nach dem Schweiß der Vor-Besitzer stinken. Gertrude Pressburger schüttelt es noch heute, wenn sie an den eingetrockneten Dreck in ihrer "neuen" Unterhose denkt, die sie bei der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz anziehen musste.

Zu essen? Gibt es eine braune, fasrige Brühe. Krautsuppe, sagt die SS. Die "Suppe" ist mit Brom versetzt – damit niemand aufmüpfig wird. Und weil die Gefangenen keine Menschen sein dürfen, machen sich die Wärter mit ihnen "Späßchen". Eine SS-Wärterin beißt in einen Apfel und wirft den Putzen vor Pressburger und eine Gruppe Frauen. Alle stürzen sich darauf, nur Pressburger rührt sich nicht.

"Was ist mit dir? Raufst nicht um den Apfel?" Die SS-Frau ist irritiert, ihr übles Spiel funktioniert nicht.

"Ich bin kein Hund", antwortet die junge Frau. Sie erinnerte sich wohl an einen Satz, den ihr Vater ihr immer an Herz gelegt hat: "Halt hoch den Kopf und werde niemandes Knecht".

Gertrude Pressburger hat es geschafft.

Sie hat sich ihre Würde nie nehmen lassen.

Sie hat die Mordmaschine Auschwitz überlebt und ein erfülltes Leben gehabt. Als im Bundespräsidentschaftswahlkampf vom "Bürgerkrieg" die Rede war, als sie spürte, dass wieder einmal Menschen aufgehetzt werden, bewies sie Mut und meldete sich zu Wort. Via youtube mahnte die heute 90-Jährige zu Mäßigung und warnte: Wehret den Anfängen! Gut vier Millionen Mal wurde das Video geklickt.

Pressburgers Mut hat sich gelohnt: Gemeinsam mit der Journalistin Marlene Groihofer verfasste sie ihre Auto-Biografie ("Gelebt, erlebt, überlebt", Zsolnay Verlag, 19,60 Euro) und setzte damit ihren jüngeren Brüdern, dem Vater und der Mutter – sie alle wurden von den Nazis ermordet – ein würdiges Denkmal.

Zur aktuellen Tagespolitik wollen Pressburger und Groihofer nichts sagen, nur soviel: "Die Demokratie ist nichts Selbstverständliches. Sie muss immer wieder verteidigt werden."

Stärke und Zuversicht

Und genau das war Dienstagabend auch in der Hofburg Thema, wo Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Zeitzeugin im Zuge einer Lesung empfing.

"Schon bei unserer ersten Begegnung hat mich Gertrude Pressburger beeindruckt. Trotz ihres Schicksals hat sie sich eine unglaubliche Stärke und Zuversicht bewahrt", sagt Van der Bellen.

Mit "viel Gespür" habe Pressburger in ihrem Buch gesagt, "was eigentlich unsagbar ist".

Angesichts der aktuellen Debatte um Antisemitismus und Rechtsradikalismus mahnte der Bundespräsident erneut zu einer Erinnerungskultur: "Nur mehr wenige können, so wie Gertrude Pressburger, persönlich die Erinnerung an die NS-Zeit erzählen. An uns und der Generation unsere Kinder liegt es, dass diese Erinnerung immer präsent bleibt."