Politik/Inland

Eltern fürchten um Sonderpädagogik

Noch bis Ende dieses Monats können Stellungnahmen zur geplanten Schulreform im Parlament eingebracht werden. Es fällt auf, das sehr viele Privatpersonen von Kindern mit Behinderungen von dem Recht Gebrauch machen. Denn mit dem vorliegenden Gesetzesentwurf sollen auch die "Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik" (ZIS) aufgelöst und deren Aufgaben unmittelbar von den geplanten Bildungsdirektionen wahrgenommen werden. Neu geregelt wird etwa, wer den "sonderpädagogischen Förderbedarf" (SPF) feststellen soll. Künftig übernehmen die Bildungsdirektionen diese Aufgabe der Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik (Sonderschulen), und nicht mehr Sonderschul-Direktoren in Absprache mit Psychologen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass der Anteil der Kinder mit SPF je nach Bundesland stark variiert, zwischen 4,1 Prozent in Tirol und 6,8 Prozent in Vorarlberg bzw. 6,4 Prozent in Wien.

Eltern von Kindern mit "sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF)", Lehrer und Betreuer befürchten Rückschritte für die betroffenen Kinder als auch für die Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik.

Konkret heißt es in den parlamentarischen Stellungnahmen etwa: "Es wird ein qualitativ hochwertiges Supportsystem abgeschafft, hoch qualifizierte Sonderpädagogen sollen durch billige Assistenzkräfte ersetzt werden. Sowohl Erziehungsberechtigte, als auch Lehrer und Schulleiter verlieren dadurch ihre fachlich hochkompetenten Ansprechpartner in der Region. Leidtragende sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen, da die derzeit individuell abgestimmte Beschulung und Betreuung verloren gehen", so die Kritik etwa der Wiener Pflichtschul-Direktoren.

"Keine Verbesserung"

Oder: "Im vorliegenden Gesetzesentwurf sehen wir keine markante, beim einzelnen Kind ankommende Verbesserung, sondern die Vernichtung der effizienten und hochwertigen Arbeit, die bisher geleistet wurde", schreibt der Arzt Norbert Wißgott. Oder die Tirolerin Iris Jäger, die in ihrer Stellungnahme befürchtet: "Die organisatorische Neustrukturierung in Form von Bildungsdirektionen darf nicht dazu führen, dass Kinder mit Behinderungen an den Rand gedrängt werden."

Das Bildungsministerium will dazu noch keine Stellungnahme abgeben, schließlich läuft die Begutachtungsfrist noch bis 30. April. Das eigentliche Problem dahinter ist vielschichtig: Grundsätzlich sollen die "Sonderschulen" weitgehend (aber nicht vollständig) abgeschafft, und die Kinder nicht mehr getrennt, sondern "inklusiv" im Regelschulbetrieb (der Pflichtschulen) unterrichtet werden. Grundlage ist (unter anderem) Artikel 7 der UN-Behindertenrechtskonvention, wonach Österreich alle erforderlichen Maßnahmen treffen muss, die gewährleisten, dass Kinder mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Kindern alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen können.

Unterm Strich fürchten betroffene Eltern und Lehrer, dass das mühsam aufgebaute schulische Umfeld für die Kinder zerstört werden könnte, auf der anderen Seite wird auf das Recht der behinderten Kinder gepocht, gleichberechtigt unter Kinder aufwachsen zu können.

Kleinstgruppen

Tatsache ist, dass der Großteil der Kinder mit "sonderpädagogischem Förderbedarf " – das sind 30.700 Kinder oder 5,4 Prozent – in den Sonderschulen derzeit in Kleinstgruppen von sechs bis acht Kindern mit zwei speziell geschulten Pädagogen unterrichtet werden. Sollte die Schulform komplett aufgelöst werden, wird das in den ländlichen Regionen, wo es ohnehin Schulen mit teils sehr kleinen Klassen gibt, weniger problematisch sein als etwa urbanen Gebieten, wo es kaum Klassen mit weniger als 25 Schülern gibt.

Das Bildungsministerium wird seit der Präsentation des im Jahre 2012 beschlossenen "Nationalen Aktionsplan Behinderung 2012–2020" nicht müde zu erklären, dass es weder weniger Geld, noch weniger speziell geschulte Lehrer geben soll.

In Südtirol gibt es seit Ende der 1970er-Jahre keine Sonderschulen mehr, alle Kinder werden durchaus erfolgreich in der Gemeinsamen Schule unterrichtet. In Österreich laufen derzeit Versuche in drei "Modellregionen", eine Bewertung dieser Projekte steht aber noch aus.