Politik/Ausland

Kabul droht Kontrollverlust über den gesamten Süden

Letztlich kam es nicht überraschend. Als Taliban am vergangenen Sonntag den Ring um die Stadt Sangin schlossen, um nach und nach in die Stadt selbst einzudringen, waren dem monatelange Kämpfe vorausgegangen. Und als die Islamisten dann am Montag nach und nach Regierungsgebäude in der Stadt übernahmen, schien Widerstand zwecklos. Am Dienstag war Sangin in Taliban-Hand. Die Regierungseinheiten zogen sich auf ihre befestigten Stützpunkte in der Region zurück.

Wohin hätten sie sich auch durchschlagen sollen? Im Zuge des Sommers hatten die Taliban Distrikt um Distrikt in der Region Helmand erobert, hatten sich wieder zurückgezogen, nur um anderswo Regionen zu überrennen. Immerhin war es der Armee in diesem Katz und Maus Spiel gelungen, die wichtigsten Verbindungsstraßen zwischen der Region und Kabul weitgehend offen zu halten. Mit dem Fall des Distrikts Sangin ist das nun aber vorbei. Und der Spuk ist nicht vorüber: In gleich vier weiteren Regionen Helmands toben schwere Kämpfe. Der Einfluss der Regierung beschränkt sich gerade einmal noch auf die Provinzhauptstadt Lashkar Gah – in vielen Gebieten aber haben sich die Regierungseinheiten auf ihre Stützpunkte zurückgezogen, zermürbt nach monatelangen Kämpfen und schweren Verlusten. Alleine in Sangin sollen in den vergangenen Tagen 90 Soldaten getötet worden sein.

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Die afghanische Luftwaffe versorgt die eingeschlossenen Soldaten jetzt aus der Luft mit Munition, Nahrung und Material. Die britische und die US-Armee haben Spezialteams nach Sangin entsandt. Militärberater, wie es heißt. Afghanische Medien dagegen schreiben von einem bis zu 60 Mann starken US-Kommando und einem 30 Mann starken britischen SAS-Team – und 10 britischen Beratern. Die Gefahr besteht vor allem, dass sich eine Niederlage dieses Ausmaßes über den Winter als dauerhafter Kontrollverlust der Behörden manifestieren könnte.

Heimsieg

Denn die Niederlage der Armee ist für die Taliban gewissermaßen ein Heimsieg – neben Kandahar ist Helmand eine Hochburg der Islamisten, wo sie den NATO-Truppen in den vergangenen Jahren schwere Niederlagen bereiteten. Alleine im Distrikt Sangin starben in den letzten 10 Jahren 106 britische Soldaten – fast ein Drittel der britischen Verluste. Die Region ist aber auch Hauptproduktionsregion für Opium und damit eine Einnahmequelle.

Für die Regierung in Kabul ist der Verlust der Region nach dem Fiasko von Kunduz eine weitere schwere Niederlage. Dass die Regionalregierungen der betroffenen Bezirke zuletzt lauthals über Facebook Kabul um Hilfe riefen, Kabul aber nichts zu bieten hatte, ergibt zudem ein miserables Bild. Zumal es an allen Ecken kracht: In Kabul schlugen am Dienstag drei Raketen ein, nahe der Luftwaffenbasis Bagram starben bei einem Selbstmordanschlag sechs US-Soldaten – der schwerste Anschlag auf internationale Truppen seit August. Und das Ausmaß der Gewalt lähmt alles. Ein Beispiel: Das TAPI-Pipeline-Projekt, eine geplante Gasleitung aus Turkmenistan über Herat, Helmand und Kandahar nach Pakistan, sehen Quellen in Kabul derzeit von 264 bewaffneten Gruppen bedroht. Eine von ihnen: die Taliban.