Politik/Ausland

G-20-Proteste: "Traurig, dass es die Hütten trifft"

„Was machen wir mit dem Fleisch? Grillen?“

Es ist Galgenhumor, den man hier an den Tag legt. Die Rewe-Mitarbeiter in der „Schanze“, jenem linken, hippen Viertel Hamburgs, das sich in der Nacht auf Samstag zu einem Schlachtfeld gewandelt hat, schauen betreten auf die Fassade des Geschäfts. Die Scheiben sind zerborsten, in den Gängen liegen Lebensmittel, es riecht verbrannt. Die Autonomen, die sich hier Kämpfe mit der Polizei geliefert haben, räumten mehrere Geschäfte aus: Selbst den Stromverteiler, mit dem im Lebensmittelmarkt das Fleisch gekühlt wird, haben sie mitgenommen.

Bilder von den Ausschreitungen in Hamburg

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"Den Schaden zahlt mir niemand"

„Die haben die Platten vom Bürgersteig rausgerissen und auf den Dächern platziert“, sagt eine Mitarbeiterin vor der Tür, sie tippt sich an die Stirn. Was sich in der „Schanze“ zugetragen hat, lässt viele kopfschüttelnd zurück. Mit gepanzerten Fahrzeugen wurden brennende Barrikaden weggeschoben, Polizisten mit Maschinengewehren streiften durch die Straßen. Mehr als 200 Beamte wurden dabei verletzt, darunter auch drei österreichische; 43 Menschen wurden festgenommen. Ausnahmezustand? „Ja. Nicht mal am 1. Mai war es so schlimm“, sagt Munawar Hussein, der Chef vom „Grill of Arabia“ nebenan. Seine Scheiben gingen auch zu Bruch, für heute sorgt er vor: Hinter ihm schraubt ein Mitarbeiter gerade Spanplatten auf die Fassade. „Den Schaden hier, den zahlt mir niemand“, sagt er.

Wer daran schuld ist, daran scheiden sich die Geister. Freilich, weder in der „Schanze“, wo engagierte Anrainer die Überreste der Nacht wegräumen, noch bei der größten Demo des Gipfels, die Samstagnachmittag ein paar Kilometer weiter beginnt, findet man jemanden, der die Krawallmacher nicht als Idioten bezeichnet. „Das waren keine Demonstranten, sondern Wahnsinnige“, sagt etwa eine ältere Frau, die nahe der „Roten Flora“, dem Zentrum der Autonomen, einen Pflasterstein zurück an seinen Platz legt. Aber die Polizei habe es schon darauf angelegt, dass es eskaliert, sagt sie. „Die Schanze wurde geopfert“, lautet der Tenor.

Polizei steht massiv unter Druck

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Tatsächlich ist es so, dass die Autonomen Planungsfehler der Exekutive ausgenützt haben. Die Strategie war darauf ausgelegt, die G20-Chefs und den Austragungsort zu schützen; andere Stadtteile standen nicht im Fokus, viele der Beamten waren auch von der ersten Krawallnacht übermüdet.

Zehntausende am Samstag auf der Straße

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Heute ist man darum noch mehr unter Druck als in den Tagen zuvor. Unter die größte Demo des Gipfels, die sich am frühen Nachmittag mit gut 70.000 Menschen friedlich durch die Stadt bewegt, wo gesungen, getanzt und auch lauthals geschimpft wird, haben sich wieder Autonome gemischt. Die Polizei beäugt sie die längste Zeit kritisch – eingegriffen wird aber nur vereinzelt.

Dass man als Demonstrant wegen der Krawallmacher unter Generalverdacht gestellt wird, ärgert hier viele. „Es ist wichtig, auf die Straße zu gehen“, sagt Martha, die aus Kiel zur Demo gekommen ist; sie demonstriert schon ihr Leben lang. „Es ist traurig, dass es immer die Hütten trifft und nicht die Paläste“, sagt sie. „Wir sind süße Ostfriesen – bitte nicht hauen“, steht auch auf dem Schild eines jungen Mannes, er grinst. Auch an Marthas Tasche hängt eine kleine Blume – für sie das bessere Wurfgeschoß als ein Pflasterstein.