Politik/Ausland

"Sie werden uns alle töten – mit einem Seil"

Ihr Onkel macht immer makabere Scherze. „Ich werde dich töten, eines Tages werde ich dich töten.“ Leyla lacht etwas verzagt, während sie erzählt. Ihre Antwort sei dann jedes Mal: „Aber bitte mit der Pistole und nicht mit dem Messer.“

Sie ist Polizistin. Eine von 30 Frauen, die in Kunduz, im Norden Afghanistans, Dienst machen. Jeden Tag in der Früh streift sie sich die Burka über, geht aus dem Haus und macht sich auf zu ihrem Posten. Anfangs nicht, wie sie selbst sagt, weil sie das immer wollte, sondern, weil ihr Mann schwer krank ist und nicht arbeiten kann, und eben sie nun die Brötchen für ihre Familie verdienen muss. Mittlerweile aber gehe es ihr auch um etwas anderes: Darum, etwas zu verbessern in diesem Land.

Sie schlägt fest zu, bei diesem Boxtraining in einem feuchten Kämmerchen im Hauptquartier der Polizei der Stadt. Diese junge, hagere Frau in der grauen Uniform mit den schwarzen Haaren und den tiefen Furchen im Gesicht. Sie ballt die Fäuste. Knallt sie in die Schlagpölster. Die niederländische Trainerin, die die Boxstunde leitet, hat Mühe, sie zu halten. Leyla schlägt, kickt und lacht laut. Will noch weitermachen, als die Stunde längst vorbei ist.

„Gewisse Schwierigkeiten“ – so bezeichnet eine junge Afghanin das, was Frauen erfahren, wenn sie arbeiten, zumindest halbwegs auf eigenen Beinen stehen wollen. Leylas Vater, ihre Mutter, ihre Brüder, die gesamte männliche Verwandtschaft, so sagt sie, die würden sie für eine schlechte Ehefrau halten. Ihr vorwerfen, dass sie praktisch als einzige Frau unter so vielen Männern arbeite. So etwas mache man nicht. Irgendwann, so erzählt sie, da habe sie alle eingeladen, ihnen erklärt, dass sie die Wahl hätten, entweder ihre gesamte Familie durchzufüttern oder sie eben bei der Polizei arbeiten zu lassen. Und seither werde nur mehr gescherzt über sie – darüber, dass man sie eines Tages ermorden werde. Sie hat es aufgegeben, aus ihrem Job ein Geheimnis zu machen.

Andere Frauen machen eines daraus, lassen bestenfalls den engsten Kreis der Familie wissen, dass sie Uniform tragen, nachdem sie sich tagtäglich aus dem Haus schleichen. Aus gutem Grund: Polizisten sind oft Ziel von Anschlägen. Die Polizei verzeichnet die höchsten Verluste. Nur wenige Tage nach dem Gespräch mit Leyla sprengte sich im Zentrum von Kunduz ein Attentäter neben Polizisten in die Luft und tötete fünf Menschen. Und ganz besonders riskant ist es für Polizistinnen.

Sowohl, weil es nicht in ein islamistisches Weltbild passt, dass Frauen Uniform tragen, als auch aus einem sehr pragmatischen Grund: In der extrem konservativen afghanischen Gesellschaft kommt Frauen in der Polizei eine zentrale Rolle zu. Es wäre undenkbar, dass ein Mann bei einer Frau eine Leibesvisite durchführt, sie gar nur bittet, die Burka zu heben an Checkpoints, wie es sie vor jedem Verwaltungsgebäude gibt. Das sind unzählige in einer Stadt wie Kunduz. Es wäre auch undenkbar, dass Männer ein Haus durchsuchen, in dem nur Frauen anwesend sind. Und oft genug haben Aufständische genau diese Schwachstelle der afghanischen Sicherheitskräfte ausgenutzt, sich einfach eine Burka übergezogen oder Frauen an die Tür geschickt, wenn die Polizei anklopfte.

„Es liegt in Allahs Hand“

„Wir sind einfach wichtig“, sagt Leyla. Bei allem Risiko, das sie selbst trägt. Sie macht eine ausladende Geste. „Was hilft es, wenn ich Angst habe. Eines Tages werde ich sowieso sterben – es liegt in Allahs Hand zu entscheiden, wann.“

In der Provinz Kunduz hat die Polizei zusammen mit der afghanischen Armee mittlerweile zumindest theoretisch weitgehend die Sicherheitsverantwortung – mit Ausnahme eines Bezirks. Vor dem Abzug der ISAF, der bereits mit diesem Jahr eingeleitet wird, geht es jetzt vor allem darum, das relative Funktionieren der afghanischen Behörden sicherzustellen, sie alleine arbeiten zu lassen und nur hie und da einzugreifen. Skeptiker meinen, dass ohne Unterstützung noch nichts funktionieren würde. Auch nach Ende dieses Jahres nicht. Optimisten sagen, dass man getan habe, was möglich sei, und es ja weiterhin Hilfe geben werde.

„Sie werden nicht gehen. Aus einem Grund: Weil ich jeden Tag dafür bete, dass sie bleiben“, sagt eine junge Frau, die auch bei diesem Training anwesend ist. Sie lächelt und schüttelt den Kopf, als wisse sie ganz genau, dass es nicht geschehen, dass 2014 nicht kommen werde. Sie hat einen guten Job bei einer internationalen Organisation in Kunduz, arbeitet als Übersetzerin – und hat Angst davor, was 2014, wenn die ISAF weg ist, kommen könnte. Wie so viele Frauen. Angst vor der Rache der Ultrakonservativen an jenen, die für die Ausländer gearbeitet haben, all jenen, die sich aus deren Sicht vielleicht sittlich exponiert haben. Angst davor, das kleine bisschen Freiheit zu verlieren, dass sie jetzt genießen.

Und Leyla? Ob sie ihren Job behalten wird können? „Wenn die Lage stabil bleibt, werden wir unsere Posten behalten“, sagt sie. „Wenn es schlimm wird, werden wir daheim bleiben müssen.“ Es folgt eine Pause. „Es wird wohl schlimm werden – sie werden uns alle töten.“

Eine Kollegin Leylas, die bisher nur schweigend zugehört hat, fährt sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger über die Kehle und nickt stumm. Leyla umklammert mit Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand ihre Kehle und sagt: „Sie werden es mit einem Seil tun.“

Geoffrey van Leeuwen ist der zivile Repräsentant der niederländischen Mission in Kunduz und Mitglied des Kommandostabes des Einsatzes. Er ist nicht Militär, sondern Diplomat – ein Umstand, der in gewissem Maße den Fokus des niederländischen Engagements in Kunduz unterstreichen soll. Und der liegt ganz auf der Ausbildung sowohl von Polizisten als auch von Staatsanwälten, Richtern, Strafverteidigern oder Ermittlern – mit dem Ziel, eine funktionierende und gefestigte kommunale Polizei aufzubauen sowie rechtsstaatliche Mechanismen dauerhaft zu etablieren. Der KURIER sprach mit Geoffrey van Leeuwen über

... den Zustand des Rechtsapparats in der Region vor Beginn des niederländischen Engagements und Fortschritte Unser Ansatz ist ein langfristiger. Wir waren an dem Punkt, dass die Polizei praktisch gerade erst gebildet wurde. Wir haben Polizisten ausgebildet und bilden heute bereits die afghanischen Trainer aus, die die Polizisten trainieren. Ich sehe große Entwicklungen im gesamten Rechtssystem. Wir haben diese Dynamik maßgeblich angestoßen. Unser Fokus liegt auf dem formalen legalen Rechtssystem – aber auch auf dem informellen System in Dörfern und kleinen Gemeinden.

... den Spagat zwischen Rechtsstaatlichkeit und einer in der afghanischen Gesellschaft sehr tief sitzenden informellen RechtssprechungEs gibt diese sogenannten Huqooq-Huqooq-Büros des Justizministeriums – Mediatoren, die wir auch trainieren. Wenn heute Kapitalverbrechen verübt werden, ist allen klar, dass diese Angelegenheiten auf der formellen Ebene der Polizei behandelt werden müssen. Aber die Menschen wollen eine schnelle Lösung für kleine Konflikte – etwa Landfragen. Über die Huqooq-Huqooq-Mediatoren haben wir eine Alternative zu der brutalen Stammes- und Taliban-Justiz etabliert.

... die größten Herausforderungen in Afghanistan Die größte Herausforderung ist sicher, den Menschen nach 30 Jahren Krieg das Vertrauen in den Staat wiederzugeben – das geht durch einen Ausbau staatlicher Leistungen. Die Menschen sehen Verbesserungen. Aber sie haben jetzt auch Angst, dass sie 2014 alleine gelassen werden. Wir werden jedoch weiter machen – wir werden nur nicht im Fahrersitz sitzen, sondern auf der Rückbank.

... die tiefgehendsten Verbesserungen Wir sprechen heute davon, dass wir Frauen in die Polizei bringen. Hier ist viel an Bildung passiert. Wir können Afghanistan nicht mit den Niederlanden oder Österreich vergleichen. Wir müssen es in einem regionalen Vergleich sehen. Ich hoffe, dass Afghanistan ein besseres Land sein wird als Pakistan oder Tadschikistan, was Rechtsstaatlichkeit angeht. Und ich sehe auch keinen Grund, weshalb dieses Land zerfallen sollte. Letztlich aber wird die Geschichte über uns richten, ob das, was wir hier getan haben, von Bestand war.

... den Abzug 2014 Ein derart gesetztes Datum ist immer künstlich oder willkürlich. Aber bei allem, was ich hier sehe: Ich bin zuversichtlich. Natürlich, es hätte auch 2015 sein können – aber genauso 2013. Die Afghanen sind bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Und es ist ja nicht so, dass wir Afghanistan hinter uns lassen. Wir werden weiter hier aktiv sein – nur in einer anderen Rolle.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schien schnell klar, wo die Urheber sitzen: In Afghanistan, wo die Taliban einen Großteil des Landes kontrollierten und die El Kaida mehr oder weniger frei agieren konnte.

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Der militärische Sieg gegen die Taliban war eine Sache weniger Wochen. Aber der Kampf um die Stabilisierung des Landes dauert bis heute. Zwei ausländische militärische Operationen waren Ende 2001 in Afghanistan präsent – und sind es bis heute. Die NATO-Truppe ISAF, an der 50 Nationen beteiligt sind, mit ihrem rein defensiven Mandat und die zunächst nur auf die Sicherung Kabuls beschränkt war. Und die offensiv agierende US-geführte Operation Enduring Freedom.

Ab 2003 wurde der Einsatz der ISAF nach und nach ausgeweitet – auf landesweit bis zu 130.000 Mann. Nicht selten gab es konfliktträchtige Überschneidungen mit Enduring Freedom – oder direkter ausgedrückt: Man kam sich in die Quere. Wie ein europäischer Offizier in Kandahar einmal sagte: Enduring-Freedom-Soldaten sprengen ein Loch in die Hauswand, weil die Tür vermint sein könnte, und die ISAF macht es wieder zu. 2014 soll der Einsatz komplett beendet werden. 3257 ausländische Soldaten starben seit 2001 – und eine kaum abzuschätzende Zahl an Zivilisten.