Meinung

Würdige Marken-Prediger?

Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind die wesentlichen Marken-Kriterien.

Dr. Manfred Greisinger
über die Marken-Strahl-Kraft

Können Sie sich vorstellen, dass Sie die wertvollen Appelle Ihres Chefs als Zitate in Schmuckschrift über'm Bett tapezieren, sie diese – ehrfürchtig – mit sich im Geldbörsel tragen und bei passender Gelegenheit – natürlich mit Quellenangabe – wiedergeben?

Nein? – Schade. . . und Beweis dafür, dass an der "Marken-Strahl-Kraft" Ihres Bosses (und hier seien auch die LeaderINNEN einbezogen) noch "Entwicklungs-Bedarf" herrscht. . .

Werfen wir, falls noch jemand an der "Macht der ICH-Marke" zweifelt, bitte einen Blick ins Silicon Valley zu den erfolgreichsten Firmen Google & Facebook. – Nicht nur, dass diese weltumspannende Top-Marken mit Milliardenwerten darstellen, so werden sie zudem von starken, faszinierenden "Personal Brands" geführt: Larry Page und Mark Zuckerberg. Wenn diese Chefs freitags zu ihren MitarbeiterInnen sprechen, dann hat dieses Ritual den Charakter von Predigten. Wie bei einer "Heilsverkündigung" hängen die ZuhörerInnen – Aposteln gleich, die ihrem geistigen Führer folgen – an den Lippen der Redner. Und kaum sind deren Worte verklungen, werden sie als Zitate vervielfältigt, verteilt und im gesamten Firmenbereich an die Wände affichiert. Sie genießen Kultstatus. . .

So funktioniert Personal Branding im 21. Jahrhundert. Nein, so hat's auch schon im letzten funktioniert, denkt man – als legendäres Beispiel in diesem Jubiläumsjahr der Republik – an die Motivations-Elixier bietenden Worte von Bundeskanzler Leopold Figl im Dezember 1945 (als Radiorede übrigens erst zwanzig Jahre später aufgenommen): "Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!"

Apropos: da gab's einen als Autorität unangefochtenen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger, der 1980 anlässlich des AKH-Skandals vom "Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen" sprach. – Er fände wohl auch heute passende, glaubwürdige Worte zum unfassbaren Hypo-Wahnsinn.

Gelebte Marken-Werte

Ja, Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind die wesentlichen Marken-Kriterien. Die nur dann erreichbar sind, wenn eine Firma, eine Partei – wie auch ein Repräsentant – MarkenWERTE lebt. – Authentizität, das ist das entscheidende Etwas mehr als Image- und Rhetorik-Trainer einem Möchtegern-Charismatiker umzuhängen vermögen. . .

Wo – und wer – sind nun die aktuellen heimischen "Marken-Persönlichkeiten", deren Worte zu Herzen gehen und wir uns gerne zu Herzen nehmen?! – Nur weil unsere Politik & Wirtschaft "persönlichkeits- und markenarm" (geworden) ist, müssen wir über die Sitten in den IT-Hochburgen Palo Altos nicht die Nase rümpfen. . . Besser wäre zu überlegen, mit welchen Missionen man hier ein "würdiger Marken-Prediger" werden kann. . . - Wer fällt Ihnen in diesem Zusammenhang ein, geschätzte Leserschaft? Androsch, Haselsteiner und Lauda können nicht für alles herhalten. . .