Meinung/Kommentare/Innenpolitik

Und wann geht es ums Programm?

Die Politik versteht den ORF nach wie vor als ihr Instrument. Ums Geld der Gebührenzahler.

Andreas Schwarz
über die ORF-Wahl

Der ORF macht ein gutes Programm: Brillante Features und ausgewählte Musiksendungen auf Ö1, handwerklich saubere Journale und Nachrichtenformate ebendort, mitunter hochklassige Reportagen und Porträts im Fernsehen, wenngleich meist zu nachtschlafender Zeit. Der öffentlich-rechtliche Auftrag des ehemaligen Monopolfunks wird auch ein bisschen erfüllt. Betonung auf ein bisschen.

Dort, wo es breiter wird, wo es Konkurrenz gibt wie im U-Radio und zur Primetime des Fernsehens, lahmt es stark. Platte Formate, zugekaufte Massenware, stotternde Eigenproduktionen – wo sind die Zeiten, als sich andere TV-Stationen um die Idee eines Club2 oder ähnliche Innovationen rissen? Wo sind die Gerd Bachers als Ideenanstoßer und Hugo Portischs, Kuno Knöbls u. a. als Macher, die den ORF von anderen TV-Kanälen unterschieden? Und was wiederholt der wiederholungslastige ORF in 20 Jahren – "Dancing Stars", Staffel sieben?

Nur das interessiert den Konsumenten, der Programme des ORF auf- oder auch wieder gleich abdreht. Weil zu seicht oder zu dröge, zu austauschbar oder zu … speziell? Auch das wäre eine Nische, über die sich nachzudenken lohnte. Schwierig genug.

Stattdessen erlebt der Konsument gerade einen Wahlkampf um eine Position, die politischer und wichtiger ist als die, um die am 2. Oktober stichgewählt wird. Die beiden aussichtsreichen Kandidaten um den Generaldirektorsposten versprechen in ihren Konzepten allerlei, was die Neuaufstellung des Unternehmens und seiner Programme betrifft. Aber in Wahrheit weiß der ORF-Beobachter abseits der Programme: Es geht um Politik.

Entpolitisierung? Fehlanzeige

Alexander Wrabetz und Richard Grasl sind Rundfunkmanager von Parteien Gnaden. Der eine seinerzeit von Alfred Gusenbauer als Dorn im Fleisch der Schüssel-Regierung geholt; der andere im Rapportierkreis des niederösterreichischen ÖVP-Landeshauptmannes gewachsen. Einer von beiden wird gewählt werden von Stiftungsräten, die nicht mehr von den Parteien gestellt werden, sondern euphemistisch in "Freundeskreisen" (ihrer Parteien) organisiert sind. Weil es da einen Gleichstand zwischen den beiden Großparteien gibt, kommt es womöglich auf die einzelne Stimme eines Nicht-Schwarz/Roten oder eines "Unabhängigen" an – und auf die Versprechungen, die im Vorfeld der Wahl in Sachen Posten und Umfärbungen gemacht wurden. Verschwörungstheorie? Wilde Regenbogenkoalitionen und Mauscheleien, Nullnummern als ORF-Boss(in), "weiße Elefanten" im ORF-Betrieb, die den Farbwechsel in der Führung wohlbestallt im Ausgedinge überlebt haben, sprechen Bände. Entpolitisierung des ORF? Seit Jahrzehnten vollmundig versprochen und Fehlanzeige.

Das alles passiert ungeniert vor den Augen der Gebührenzahler, die sich für ihr Geld nur eines erwarten: ein gutes Programm. Wie gesagt: Schwierig genug. Die Politik und ihre Mediendiener wenden sich lieber Einfacherem zu. Die Konsumenten wenden sich ab.