Meinung/Kolumnen/sex in der freizeit

Schnitzel, einmal anders

Grundsätzlich gilt die Formel: Je älter die Liebe, desto naja ist die Sex-Frequenz

Gabriele Kuhn
über wie oft die Österreicher Sex haben

Wie viel Sex braucht’s denn jetzt wirklich, damit eine Partnerschaft dauerhaft funktioniert? Das ist eine Frage, die man sich in den ersten zwei, drei Monaten einer frischen Beziehung naturgemäß weniger stellt. Eher geht es zu diesem Zeitpunkt darum, wie man seinen Muskelkater aufgrund Non-stop-Geschnacksels rasch wieder los wird. Oder wie die Honeymoon-Cystitis (Blasenentzündung aufgrund mechanischer Überbeanspruchung) mit literweise Cranberrysaft ins Nirwana gesüffelt werden kann. Frei nach Oscar Wilde: „Mäßigung ist eine fatale Sache. Nichts ist so erfolgreich wie der Exzess.“
Nun, jeder Zeit ihre Qualität. Die Wahrheit ist: Irgendwann wird die eingangs zitierte Frage in jeder Beziehung aktuell – da früher, dort später. Grundsätzlich gilt die Formel: Je älter die Liebe, desto naja ist die Sex-Frequenz. Nur selten spielen Frau und Mann im Intim-Herbst noch täglich Betten-Reiter. Es ist schon top, wer von sich behaupten kann, es auf zwei Mal pro Woche zu bringen. Sie wissen schon: Die Sa/So-Löffelchennummer, bevor das Kaisersemmerl am Frühstückstisch kracht und sich Mutti die Milch für den Caffè Latte schön steif geschäumt hat. Interessant ist dennoch, dass diese Angelegenheit immer wieder zum Gegenstand von Meinungsumfragen wird – im Kontext irgendwelcher landesweiter Sex-Surveys mit Überschriften wie „Österreichischer Betten-Report 2016“ oder „Die Österreicher und ihr Sexualverhalten im Spiegel der Zeit. Koitus, gestern, heute, morgen“. Da kommen dann stets so Sachen heraus, wo ich mir die Frage stelle: Hallo, echt jetzt? Ist das geflunkert oder reden sich die Menschen ihre Unterwelt schön? Am allerliebsten mag ich ja den Sager, dass gemeinsame Hobbys oder Ziele wichtiger seien als die Lust aufeinander. Glaub ich nicht. Denn auch wenn die Ehe ein Buch ist, dessen erstes Kapitel in Gedichtform geschrieben wurde, und der Rest in Prosa (Beverly Nichols), bin ich überzeugt: Beides kann gehen. Nicht immer, aber immer wieder. Bridge und Blowjob. Laufen und Lieben. Konzert und Koitus. Gugelhupfbacken und geil sein. Alles eine Frage des Settings.
Bevor also darauf geschaut wird, wie viel nicht geschnackselt wird, sollte vielmehr der Fokus darauf gelegt werden, wie sich das, was war, auf einem guten Niveau stabilisiert. Wie die Lust nicht nur geht, sondern auch wieder kommt. Der Vergleich mit Essen scheint hier durchaus angebracht: Nach dem ersten Mal Schnitzel ist man einem zweiten und dritten Schnitzel in Folge allenfalls nicht abgeneigt. Die pure Gier. Doch irgendwann checkt der engagierteste Schnitzel-Fan ins Panier-Leo ein. Schnitzi? Danke, nein ! Was hilft? Eine Neuinterpretation des Schnitzels. Eine Dosis Überraschung. Mit dem Gefühl, noch nie so ein Schnitzel ausprobiert zu haben – Motto: Wuh, echt – das ist tatsächlich ein Schnitzel? Bist! Du! Deppert! Diese Idee ist in Nuancen auf das angewandte Sexualverhalten in ehelichen Strukturen umlegbar. Einfacher formuliert: Erfindet euch neu, versucht es zumindest. Dabei geht es gar nicht darum, irgendwelche Praktiken des Abhakens wegen runterzurammeln, sondern vielmehr sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Zu reden, zu träumen, zu fantasieren, zu spintisieren, zu probieren. Das Lieben ist nämlich zu schön, um in Rente zu gehen.

gabriele.kuhn@kurier.at