Meinung/Kolumnen/Knecht

Und wir sind jetzt richtig viele

Wir sind da. Wir helfen. Und wir sind viele.

Doris Knecht
über die Hilfsbereitschaft der Österreicher

So viel ist passiert, in zwei kolumnenlosen Wochen: Furchtbares und auch Schönes. Österreich habe sich, heißt es immer wieder, von seiner besten Seite gezeigt: die Demonstration der 20.000, die Unzähligen, die an den Bahnhöfen den Tausenden ankommenden syrischen Flüchtlingen halfen.

Von denen dann nur sechs in Österreich Asyl beantragten, wo man sagen muss: Das Kalkül der Regierung ist aufgegangen. Nachdem Österreich die früher ankommenden Flüchtlinge in Traiskirchen monatelang wie Dreck behandelt hat, wollen Vertriebene nun nicht mehr in Österreich Asyl beantragen, weil sie nicht auch mit ihren Kindern im Regen im Freien auf der Erde schlafen wollen: Österreich hat sich als ungastliches, unfreundliches, inhumanes EU-Land, das Menschenrechte bei Bedarf mit Füßen tritt, nun international einen Namen gemacht. Bravo.

So gesehen ist es keineswegs das offizielle Österreich, das sich jetzt von seiner besten Seite zeigt. Denn während das offizielle Österreich, das für das anhaltende Elend der Syrien-Flüchtlinge mitverantwortlich ist, betroffen dreinblickend im Stephansdom sitzt und Gebete gegen den Himmel schickt, geht das andere Österreich zu Abertausenden auf die Straße und überall dorthin, wo Flüchtlinge in Not sind und Hilfe brauchen. Es sammelt Spenden, fährt nach Traiskirchen, kauft Supermärkte leer und begrüßt und betreut Flüchtlinge an Bahnhöfen. Es packt an, während die Regierung in Lähmung, Hilflosigkeit und Überforderung verharrt, wie ich das in den fast 30 Jahren, in denen ich nun schon Journalistin bin, noch nie erlebt habe.

Daneben: "Eine Sternstunde der Zivilgesellschaft", wie der Schweizer Tagesanzeiger schreibt. Angesichts derer es mir geht wie vielen anderen Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahren eine menschliche und menschenwürdige Behandlung von Kriegsflüchtlingen einfordern: Meist in dem Gefühl, zu einem Häuflein Bekehrter zu predigen, und ins Leere. Dieses Gefühl ist verschwunden und einem ganz anderen gewichen, einem Wir-Gefühl: Wir sind da. Wir helfen. Und wir sind viele.