Meinung/Kolumnen/fabelhafte WELT

Der übereifrige Detoxer

Ich konnte nicht mehr stehen, gehen, reden

Vea Kaiser
über den Norovirus

Wie jeden Jänner wundere ich mich, wie viel der Mensch verspeisen kann. Besonders, wenn er vor-zu-nach-Weihnachten in Niederösterreich weilt. Heuer kann ich mir zumindest jene Selbst-Kasteiung namens Fitness-Studio sparen, denn die Reduktion der verzehrten Kalorien-Massen wurde freundlicherweise von höheren Mächten übernommen, und zwar dem Norovirus. Dieses G’frastsackerl, das weiß ich nun, ist der übereifrige Detoxer unter den Viren. Detoxer, weil er den Körper von allen ungesunden, aufgenommenen Speisen wie Getränken befreit. Übereifrig, weil er ihn nicht nur von den ungesunden, sondern von sowieso allen Speisen wie Getränken befreit und dafür sorgt, dass man eine Zeit lang nur lauwarmes Wasser in Mini-Fuzzi-Schlucken zu sich nehmen kann. Ich konnte nicht mehr stehen, gehen, reden, nur Zwetschge-gleich die Pfote heben – mir ging’s hundeelend. Mit letzter Kraft schilderte ich zwei befreundeten Ärzten mein Leid. Sie äußerten natürlich zwei verschiedene Meinungen, was genau ich jetzt (nicht) machen solle, doch dass beide versicherten, ich würde überleben und bald wieder fit sein, war äußerst hilfreich. Da dieser Virus höchst ansteckend ist, war ich weder die erste noch die letzte in meinem Freundeskreis, die diese existenzielle Erfahrung machte. Gebeutelt und gemartert teilten wir unsere Qualen, was uns noch enger zusammenschweißte, denn über diese Erkrankung zu sprechen, erfordert schonungslose Ehrlichkeit und Offenheit bei Themen, deren Artikulation der wohlerzogene Mensch normalerweise vermeidet. So gesehen ist der Norovirus der wahrscheinlich weihnachtlichste Virus überhaupt: schließlich ist dies das Fest des Teilens und der Liebe, wo man denen, die einem etwas bedeuten, noch näher kommt. Trotzdem, liebes Christkind, willst du der Menschheit etwas Gutes tun, dann rotte ihn aus.

vea.kaiser@kurier.at