Meinung

Es sind ja nicht Ihre Kinder

Es ist der 3. September 2018, mein erster Schultag als Lehrerin. Ich bin nicht nervös. Ich habe davor drei Jahre lang ein Schulprojekt an Wiener Brennpunktschulen geleitet und als Journalistin über Probleme in Klassenzimmern berichtet.

Mich kann nichts mehr überraschen. Als ich meinen Namen nenne, schauen mich die türkischen Schülerinnen neugierig an. Als ich erzähle, wo ich geboren bin, nicken sich die bosnischen Schüler zu.

Von den Namen der Jugendlichen schließe ich, dass nur drei von ihnen keinen Migrationshintergrund haben. Aus ihren Deutschkenntnissen, dass einige von ihnen wohl noch nicht allzu lange in Österreich leben. Später werde ich erfahren, dass alle in Österreich geboren oder aufgewachsen sind.

Diese dritte Klasse voll mit 13-Jährigen wächst mir unglaublich ans Herz. Wenn ich einen schlechten Tag habe, spüren sie das, sind besonders brav und bringen mich zum Lachen. Wenn ich Gangaufsicht habe und an ihrer Klasse vorbeigehe, bietet mir immer jemand etwas von seinem Jausensnack an.

Irgendwann kommt die erste Deutschschularbeit und die ersten Tränen: Bei mir daheim am Schreibtisch und bei der Rückgabe, bei den Schülerinnen im Klassenzimmer. Niemand hat mich darauf vorbereitet, wie ich diese Kinder unterrichte, wie ich sie in Deutsch bewerte.

Allen sage ich dasselbe

Viele ihrer Texte machen weder inhaltlich noch grammatikalisch Sinn. Ich spreche mit Kolleginnen, sie kennen das Problem seit Jahren. Sie sagen, ich soll die Eltern zu mir bitten. Allen sage ich dasselbe: Mehr Lesen und Nachhilfe. Sie selbst können den Kindern nicht helfen und sich keine Nachhilfe leisten. Meine Schülerinnen teilen sich Zimmer und Schreibtisch mit ihren Geschwistern. Viele machen die Hausübung im Bett. Von manchen Lehrern werden sie deshalb geschimpft, schlampig zu arbeiten. Ich bin stolz, dass sie ihre Hausübung trotz der Umstände erledigen. Wir üben, wir lesen, wir lachen, wir diskutieren – oft über Feminismus und Diskriminierung. Ihre gute Mitarbeit kann ich in die Endnote miteinbeziehen.

Ich verliere trotzdem drei Schüler im Laufe des Schuljahres. Zwei wechseln an eine Neue Mittelschule weil sie so viele Fünfer haben, einer hat daheim Probleme und deshalb zu viele Fehlstunden. Manchen stehen im kommenden Schuljahr Wiederholungsprüfungen bevor. Ich weiß nicht, wie sie ausgehen, ich verlasse die Schule.

Ich konnte der Mehrheit der Schülerinnen nicht helfen, mit diesem Deutsch werden sie ihr vorgezeichnetes Bildungsschicksal nicht durchbrechen.

Jetzt habe ich ein Buch darüber geschrieben, in der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Wenn man diese Kinder kennenlernt, kann man nicht mehr so tun, als wäre es ihre Schuld, als müssten ihre Eltern und sie sich ändern.

Meine Schüler und ihre Eltern haben sich Mühe gegeben aber sie haben in einer Halbtagsschule, die sich auf die Eltern verlässt und einer auf Annas statt Alis ausgerichteten Lehrerinnenausbildung keine Chance. Aber sind ja nur Migrantenkinder, um deren Zukunft es geht.

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Melisa Erkurt ist Journalistin und ehemalige Lehrerin. Heute erscheint ihr Buch „Generation haram“ über ihre Zeit an der Schule.