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Halbhubers Weltreise: Tokyo-Geschichten 1

Vergessen Sie einmal alles, was Sie aus dem Fernsehen kennen: viele Menschen, Hochhäuser, Männer in dunkelblauen Anzügen auf dem Weg ins Büro, Mädchen in kurzen Schuluniformen, elektronisches Gebimmel überall, zu große Neonlichter, eine U-Bahn mit Sekundenzeiger. Vergessen Sie das, denn es stimmt, so ist Tokyo, übrigens erst seit 1868 Hauptstadt Japans. Aber das alles greift viel zu kurz, weiß ich schon nach einer Woche.

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Blühender Respekt Es war noch Früh, als mein Flugzeug aus Sydney am Narita Airport landete. Es war noch immer früh, als ich ihn verließ, um mir eine Zigarette zu geben. Am Weg nach draußen nahm ich einen Tee mit, meinen ersten Grünen Tee in der Heimat des Grünen Tees. Als ich in dem Glasverschlag stand, den man außerhalb des Gebäudes für die Raucher aufgestellt hatte, kam mir zum ersten Mal das Wort Respekt in den Sinn. Ich weiß nicht, warum gerade da. Vielleicht wegen der Art der Teeverkäuferin. Oder wegen des Raucherkobels, der offenbar die Bus-Fahrgäste schützen soll, die direkt daneben eine Warteschlange bildeten, genau innerhalb der am Boden vorgezeichneten Linien entlang.

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Später bat mich ein Polizist um meinen Ausweis, eine Routinekontrolle. Er entschuldigte sich dreimal und versicherte mir einmal mehr, es sei nur eine Routinekontrolle. Okay, dachte ich, macht ja nichts. Ich konnte am Narita Airport noch nicht wissen, was mir in der folgenden Woche begegnen soll: Menschen, die unaufgeregt sprechen, sich niemals anschreien, nicht hupen. Die sich fast alle in der U-Bahn mit ihrem Handy beschäftigen, ohne dass auch nur ein einziges Mal ein Klingelton den Wagon stört. Wenn sie telefonieren, sprechen sie sehr leise und halten eine Hand als Lärmschutz vor.

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Am Flughafen wusste ich noch nicht, wie natürlich die kurze Verneigung des Kellners im Restaurant oder die vielen arigatō (Danke) im Supermarkt wirken. Wie sehr ein kurzes Lächeln hier dazugehört. Mein Glück ist, dass ich Tokyo gerade jetzt besuche, mitten im hanami (Kirschblütenzeit). Die ist berühmt, aber eben auch nur einmal pro Jahr. Die rosafarbenen Bäume kommen als Allee daher, ein Blütenmeer. Oder als einzelne Farbtupfen zwischen grauen Fassaden. Mal am Fluss, mal im Hinterhof. Sie haben Charme, sie stoppen einen, man schaut hin, auch wenn man nichts auf Pflanzen hält.

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Die Menschen in Tokyo erleben das jedes Jahr. Und trotzdem bleiben sie noch immer stehen. Dann zücken sie ihr Handy und machen ein Foto von der sakura (Kirschblüte). Vielleicht zeigen sie das am Abend der Familie. Oder versenden es am nächsten Emailterminal an die Affäre. Ich weiß es nicht genau. Aber dass so eine jährliche Naturmeditation offenbar ganz gut fürs Gemüt ist, das ist mir eine Woche, nachdem ich am Narita angekommen bin, schon klar.(Fortsetzung folgt)