Leben/Gesellschaft

Kultobjekt Karten: 4 gewinnt

Der Einstieg kommt jäh. Er geschieht früh und das meist unvermutet. Oder ganz wie von selbst. „Ich komme aus Vorarlberg und da steht das Kartenspiel Jassen fast auf der Tagesordnung“, antwortet Klaus, 26, auf das große Warum.

Das große Warum

Warum bewahrt ein junger Mann hunderte Quartettspiele in Schubladen, Kisten und Kartons auf? Warum sammelt ein Student Spielkarten mit technischen („Autos ’75“) oder schrulligen Daten („Priester“), obwohl er sich deren Inhalt als angehender Software-Entwickler locker aus dem Internet runterladen kann? Und warum bloß müssen es gleich so derartig viele Spiele sein?

Der Onkel ist schuld

"Die ersten Spiele habe ich von meinem Onkel bekommen“, sagt Klaus. Vorwiegend handelte es sich dabei um Quartette mit Titeln wie „Rennwagen“ oder „Tolle Autos". Die Fotos von Exoten wie dem Lotus Esprit oder dem legendären Raketenauto „Blue Flame“ faszinierten, die PS- und km/h-Daten ebenso. Dann folgte die Leidenschaft. Und hunderte weitere Spiele. Getauscht, gekauft und erstanden auf Flohmärkten, in Fachgeschäften oder im Internet. Klaus ist dabei aber nicht irgendein Kartenspieler. Er ist Betreiber des „Quartette Forums“ sowie aktiver Sammler und Hüter eines Schatzes von weit über eintausend Quartettspielen.

Der Vorarlberger sammelt bevorzugt Spiele aus den Herstellungsjahren 1960 bis 1990. Wobei ihm manche Spiele aus den 1990er-Jahren ein Dorn im Auge sind. „Ab da setzte sich das Cockpit-Design durch“, bekrittelt er die damals breitenwirksam durchgeführte Layoutänderung, die aus dem üblichen gewöhnlichen Datenabschnitt ein grafisches Gimmick machte.

Rennwagen statt Ökoflitzer

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Man merkt, echte Spieler und Sammler wollen partout nicht mit der Zeit gehen. Eine Ansicht, der auch Dieter Strehl, Geschäftsführer der Wiener Spielkartenfabrik Ferdinand Piatnik & Söhne, einer der Big Player der Branche, beipflichten kann. „Quartette werden immer noch in hohen Stückzahlen verkauft“, meint er, „und zwar eher Sportwagen als Hybridautos, eher Rennwagen als Ökoflitzer.“

Im Technischen Museum

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Im Technischen Museum Wien läuft seit kurzem und noch bis Dezember nächsten Jahres eine Sonderschau zu Quartettkarten. In mehreren Vitrinen rund um den Bereich des TMW-Caféhauses sind dabei Exponate zu sehen, die durch den Ankauf einer umfangreichen Sammlung „Technischer Quartette“ das Privileg einer musealen Präsentation erhielten. Seither schätzt sich das Museum glücklich, dass es einen „Ferrari 126C“, eine „Concorde 101/102“, die „Apollo 11-Raumkapsel“ sowie zahlreiche weitere Ikonen der Mobilitätstechnik auf platzsparende Art und Weise beherbergt.

Mehr als nostalgischer Zeitvertreib

Einen Teil dieser Spiele kennt auch Barbara, die wie viele Buben im Volksschulalter zur begeisterten Quartettspielerin geworden ist. Vor ein paar Monaten hat sie ihren Schatz kistenweise aus einer Garage geborgen, um ihn jemandem anzuvertrauen, der mehr damit anfangen konnte. Aber ganz ist ihre Leidenschaft für diesen fast nostalgischen Zeitvertreib nie gewichen. Auf dem Tisch vor uns hat sie eine Palette an Quartettspielen ausgebreitet: Pferdequartett, Katzenquartett, auch ein Feuerwehrquartett befindet sich darunter.

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KURIER/Jeff Mangione
Quartettkarten-Sammler
Wer hat den Schwarzen Peter?

„Früher hatte ich mehr als 200 Spiele“, sagt sie fast ein wenig wehmütig. „Schwarzer Peter war eines meiner ersten.“ Barbara war damals gerade neun Jahre alt. Und Quartette waren irgendwie das, was heute das Internet ist: ein Sammelsurium an unglaublichen Daten, Fakten, Fotos und Verheißungen. „Wenn man eine einzelne Spielkarte betrachtet, fällt sogar auf, dass sie in etwa die Abmessungen eine Smartphones aufweist“, macht Christian Stadelmann, Kurator des Technischen Museums, auf ein entscheidendes Detail aufmerksam. Wie heute das Internet konnte sich das Genre der Quartettspiele einmal tatsächlich als echte Wissensmaschine gebärden.

Von 0 auf 100km/h in 32 Sek.!

„Man hat was gelernt von der Welt“, erinnert sich so auch Barbara an ihre Zeit als aktive Spielerin. Und wenn es nur das ist, dass der alte Mini, der 850er, einmal sagenhafte 32 Sekunden für den Sprint von 0 aus 100 km/h benötigt hat. Dann kam der erste Freund, die Schularbeiten wurden immer schwieriger und die Quartette landeten immer weiter unten in der Spieltruhe. „Sich ganz von ihnen trennen, wollte ich aber nie“, sagt sie.

Immer wieder Piatnik

Weit aus dem Fenster lehnt sich indes ein deutscher pensionierter Mathematiklehrer, der nach wie vor am Bildungsauftrag der bunten Blätter festhält. „Wenn die Eltern noch mit ihren Kindern Quartett spielen würden, wäre PISA nicht passiert“, ist der 80-jährige Ernst Krumbein aus Hannover felsenfest vom bildenden Potenzial der Quartettspiele überzeugt. Eine Renaissance des alten Zeitvertreibs ist also nicht auszuschließen. Wie sonst käme die Firma Piatnik auf die Idee, in Zusammenarbeit mit dem Technischen Museum ein eigenes Quartett mit spektakulären Objekten des Hauses herauszubringen ...?

Unorthodoxes ist Trumpf

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Autos, Dichter und Tiere sind nicht alles. Beim spielerischen Sammeln von Vierergruppen, mit denen man einander auch übertrumpfen kann, stößt der Kenner neuerdings auf Quartette mit unorthodoxen oder eher ernsten Titeln. Eines mit „Plattenbauten“ befindet sich darunter, sowie mit „Drogen“ oder „Seuchen“, sogar eines mit „Tyrannen“. Ein anderes wiederum unterteilt einen Kartensatz von 32 Gewaltherrschern der Menschheitsgeschichte akribisch in Quartett-Kategorien wie „Militärs“, „Kleptokraten“, „Monarchen“, „Religiöse Eiferer“, „US-Marionetten“ oder „Völkermörder“. Das „Priester-Quartett“ mit Daten zu historischen Klerikern und Seelsorgern, das Quartett-Sammler Klaus besitzt, dürfte dabei so ziemlich einzigartig sein. „Das befindet sich nicht einmal bei der Ausstellung im Technischen Museum“, weist er triumphierend auf den Trumpf in seiner Sammlung hin.