Leben/Gesellschaft

Sex-„Me-Time“: Warum Selbstbefriedigung kein Tabu sein darf

Leserin K ist irritiert, wie sie im Mail schreibt. Demnach hätte ihre 15-jährige Tochter (ungefragt) ein „YOU-Magazin“ zugeschickt bekommen, das von „jungen Menschen, die von der Erfahrung des Glaubens fasziniert worden sind“, gemacht wird und auch in katholischen Kirchen aufliegt. Die Zeitschrift ist – vorausgesetzt, man gehört zur Zielgruppe – ansprechend und, wie man so schön sagt, „flott“ gestaltet. Weshalb also die Irritation? Nun, ds hat das mit einem Oeuvre zur Frage Ist Selbstbefriedigung ok …? zu tun. Darin stehen Gedanken wie folgende: „Wenn du Selbstbefriedigung anschaust, fehlt dieses Füreinander …“, „Selbstbefriedigung hinterlässt oft einen leeren oder traurigen Nachgeschmack …“, „Trotzdem bleibt Selbstbefriedigung objektiv etwas, was ein Widerspruch zur Liebe ist, und daher ist es voll wichtig, sich zu bemühen, anders zu leben …“ Knackig zusammengefasst: Wer sich’s selbst besorgt, sündigt und tut sich nix Gutes.

Enthaltsamkeitsratschläge

Frau Ks Empörung ist nachzuvollziehen – weil diese Gedanken und mehr oder weniger subtil formulierte „Enthaltsamkeitsratschläge“ völlig unzeitgemäß sind. Schon gar nicht will die Mutter akzeptieren, dass jungen Menschen auf diese Weise ein schlechtes Gewissen gemacht wird. Aber klar, die Legende lebt offenbar immer noch. Das „einsame“ Vergnügen wurde in der Bibel als Übel bewertet und – genau betrachtet – steckt bereits im Begriff „Masturbation“ Negatives. Der kommt vom lateinischen „manus stuprare“ (mit der Hand verunreinigen) und „manus turbare“ (mit der Hand beunruhigen, in Summe geht es um „Handschändung“. Gerne fabulierte man vom „verlorenen Samen“, von durch Onanie verursachte Krankheiten wie Schwindsucht, Gedächtnisschwund und Verblödung. Und ja: Es ist noch nicht allzu lange her, wurde Selbstbefriedigung als unmoralisch und krankmachende Sünde gesehen. Schmäh von gestern? Offenbar doch noch nicht so ganz. Denn nach wie vor kursieren hartnäckige Glaubenssätze: der Spaß mit sich selbst als unreife, verzweifelte Ersatzbefriedigung, die Einsame automatisch in den Onanie-Exzess driften lässt. Was etwa die „No-fap“-Bewegung gut zeigt, die Solosex-Enthaltsamkeit als angesagtes Must-have propagiert. Mag sein, dass das die Antwort auf den omnipräsenten Überfluss ist – an Bildern, Möglichkeiten und Plattformen, auf denen als „Wichsvorlage“ jeder Irrsinn zu finden ist.

Aber wie wär’s mit dem viel beschworenen Mittelweg? Den geerdeten Spaß, die schlichte Freude an eigenen Empfindungen. Sexuelle Selbststimulierung als wunderbare Möglichkeit, mit seinen Wünschen, seinem Körper und erotischen Wesen in Kontakt zu kommen. Aus der Sexualforschung ist bekannt, dass Masturbieren eine herrliche Ergänzung des sexuellen Spektrums ist – als Form von „Sprache“. Sie ist gerade für junge Menschen wichtig, weil sie damit auf Entdeckungsreise gehen und sich selbst erfahren können. Dabei wird gelernt, was gut tut und welche Art von Berührung fein ist. Letztendlich führt diese „Kommunikation mit sich selbst“ dazu, dass man als sexuelles Wesen mit einem anderen sexuellen Wesen in einen Dialog treten kann. Indem ein Mensch zum anderen sagt: Berühre mich bitte da, berühre mich dort. Tu das und tu’s länger/kürzer/härter/intensiver. Außerdem: Was gibt es Schöneres, als sich in manchen Stunden einfach nur der eigenen Person zu widmen – um sich, ohne Druck, Fantasien hinzugeben, Stress abzubauen und sich selbst zu lieben. Und schließlich hat „Masturbation den Vorteil, vorher nicht lügen und hinterher kein freundliches Gesicht machen zu müssen.“ (Thomas S. Lutter, Lyriker)

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