Leben/Gesellschaft

Das haben Sie am Himmel noch nie gesehen

Ihr Tag beginnt dann, wenn die anderen Bergsteiger schon wieder im Tal angekommen sind oder erschöpft die Hüttentür hinter sich zugeschlagen haben. In der „Goldenen Stunde“, kurz bevor die Sonne untergeht, ziehen Norbert Span und Bernd Willinger, der Meteorologe und der Fotograf, los. Jeder mit einem Rucksack von gut 25 Kilo auf dem Buckel, stapfen sie die Berge in den österreichischen und Schweizer Alpen oder in den Dolomiten hinauf, um dort Dinge zu sehen, die den meisten von uns verborgen bleiben.

Im Gepäck haben die beiden Tiroler Zelt, Schlafsäcke, Verpflegung und eine aufwendige Fotoausrüstung. Wenn dann auch noch das Wetter mitspielt, dann erleben die beiden den Himmel auf Erden. Sterne, Himmelsleuchten, Milchstraße, Sternschnuppen, Sternenhaufen, Kometen und Mond. Vorausgesetzt, das Wetter stimmt. Der Erfolg der Unternehmung ist also auch Geduldsache.

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Blaues Licht nach Sonnenuntergang

Es beginnt mit dem Erdschattenbogen. Er erscheint, sobald die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist – ein graublauer Schatten über dem Horizont im Westen. Darüber färbt der „Venusgürtel“ den Himmel rosa und lila: Die Atmosphäre reflektiert die Strahlen der untergehenden Sonne. Und wenn Schnee liegt, wird dieser Effekt noch verstärkt, es schimmert in Orange und Purpur. Ein kurzes Vergnügen allerdings, schon nach einer halben Stunde ist alles wieder vorbei.

Das Himmelsschauspiel geht aber gleich weiter. Die blaue Stunde beginnt, die ersten Sterne zeigen sich, je stärker es dämmert, desto mehr. Anders als über den lichtverschmutzten Städten, wo nur die hellsten Sterne sichtbar sind. Wer 2.000 Sterne sieht, hat den Eindruck, im Planetarium zu sein. Ist der Himmel wirklich dunkel, dann kann man sogar bis zu 3.500 Sterne erkennen. Jetzt, in der blauen Stunde, ist die beste Zeit, die Kamera auszupacken und womöglich auch ein paar fotografische Tricks anzuwenden. Es wird mit extrem langen Belichtungszeiten – 30 Sekunden und mehr – gearbeitet. Für die spektakulären Panoramaaufnahmen brauchen Span und Willinger ein Stativ, einen Kugelkopf für die horizontale Ausrichtung, einen Panoramakopf und einen Rotator sowie einen Infrarot-Auslöser. In eine Kugel montiert, muten die Panoramabilder wie Mini-Planeten an.

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Eine Brücke in die Nacht, die farbig leuchtet: Les Diablerets in der Schweiz

Insgesamt haben Nord- und Südhimmel 88 Sternbilder – die zwölf Tierkreiszeichen inklusive – zu bieten (wie man die wichtigsten ausfindig macht, erfahren Sie auf Seite 18). Dass die Redewendung „schwarz wie die Nacht“ in Wirklichkeit ziemlich falsch ist, lässt sich anhand der Bilder der Meisterfotografen leicht nachweisen. Sie haben ein wundersames Phänomen namens „Airglow“ festgehalten. Der Himmel leuchtet selbst bei Neumond in eindrucksvollen Farben. Ganz simpel erklärt, könnte man sagen, der Himmel habe Sonnenbrand, und nachts beginnt er zu glühen. Wissenschaftlich fundierter entsteht der Airglow durch die intensive UV-Strahlung des Sonnenlichts bei Tag. Sie zerlegt Sauerstoff- und Stickstoffmoleküle der Ionosphäre. Bei ihrer Wiedervereinigung senden die Teilchen Strahlung aus, und das noch lange nach Sonnenuntergang.

Sternschnuppen hingegen sind flüchtiger. Auch wenn sie eigentlich nur Müll im Weltraum sind. 5.000 Tonnen Partikel aus dem All rasen täglich in die Erdatmosphäre. Wenn sie sichtbar werden, wie auf den Bildern aus den Bergen, ein traumhaft schönes Phänomen. Zugleich auch kein Grund zur Beunruhigung: Die Teilchen treten mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von 40.000 Stundenkilometer in die Atmosphäre ein und verdampfen dort. Dabei entsteht in rund 80 Kilometer Höhe eine rötlich-grüne Leuchtspur.

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Mond und die "Lichtverschmutzung aus dem Tal" machen die Nacht zum Tag - beinahe

Kometen hingegen bestehen großteils aus Staub und Eis – ein schmutziger Schneeball also. Nähern sie sich der Sonne verdampft das Eis, für die Menschen auf der Erde wird ein Kometenschweif sichtbar.

Mehr als 250 Nächte verbrachten Bernd Willinger und Norbert Span bei ihrer Entdeckungstour in den Alpen auf den Bergen. Oft war es bitter kalt und nicht immer ließ das Wetter so großartige Naturschauspiele zu. Aber einer war fast immer ständiger Begleiter des abenteuerlustigen Duos: Der Mond. „Bei einer nächtlichen Wanderung durch einen frisch verschneiten Wald im Vollmond leuchtet das silberne Licht die Landschaft vollständig aus. Die Schneekristalle funkeln darin wie Diamanten“, notierten sie über ihre Eindrücke. Und das, obwohl die Sonne 400.000-mal heller scheint als der Mond. „Das Reflexionslicht des Vollmondes gibt uns das Gefühl, alles sei hell erleuchtet. Durch die Erdrotation zeichnen sich immer wieder völlig neue Texturen in der Berglandschaft ab und das Mondlicht verzaubert die angestrahlte Oberfläche.“ Und sogar bei Neumond ist am Nachthimmel ordentlich was los. Da kommen Sterne und Milchstraße eben am besten zur Geltung.

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Am Morgen ist die Mission der Fotografen beendet.

Wenn der Morgen kommt, schließt sich der Kreis. Es wiederholt sich das, was sich am Abend abspielt – nur in umgekehrter Reihenfolge.
Norbert Span und Bernd Willinger bauen ihr Zelt ab und machen sich auf den Weg ins Tal, während die „gewöhnlichen“ Bergsteiger hinaufmarschieren.

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