Kultur

Niemeyers Plädoyer für eine bessere Welt

Das Vermächtnis des Architekten, der seiner Heimat Brasilien eine neue Hauptstadt entworfen hat und sich dabei zeitlebens von Frauen und ihren Rundungen inspirieren ließ: „Wir müssen die Welt verändern.“

Das kleine Buch mit großen Gedanken von Oscar Niemeyer voller Hoffnung, Lebensmut und Leidenschaft erscheint diese Woche im Kunstmann Verlag.

Es basiert auf letzten Gesprächen mit dem Brasilianer, der seine Aufgabe darin sah, überraschende Werke von großer Schönheit zu bauen, um die Menschen durch das Unerwartete zu erstaunen, ehe er 2012 mit 104 Jahren starb.
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Oscar Niemeyer und seine Bauten

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Form follows beauty

Das Ideal des leidenschaftlichen Zeichners geschwungener Linien waren großzügige, in die Natur gegossene, ja vielleicht sogar poetische Häuser. Der Einfluss der europäischen Architektur, des strengen und platzsparenden Funktionalismus eines Le Corbusier wurde bei Niemeyer über die Jahrzehnte immer schwächer. Sein Credo: Form follows beauty.

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Rund 200 seiner mehr als 500 Projekte wurden gebaut, u. a. das UN-Gebäude in New York (1947). Spektakulär sind auch sein augenförmiges Museum in Curitiba und das Museum für moderne Kunst in Niterói (1991) über der Bucht von Guanabara vor dem berühmten Panorama von Rio. Wie ein rundes Raumschiff, zu dem eine imposante Rampe führt, thront es auf einem Fels.

Paradox. Der berühmte Architekt sagte immer wieder, Architektur sei nicht wichtig, sondern ihm nur Vorwand gewesen: „Wichtig ist das Leben, wichtig ist der Mensch, dieses merkwürdige Wesen mit Seele und Gefühl, das nach Gerechtigkeit und Schönheit hungert“, so der überzeugte Marxist und große Humanist.

Fantasie bedeutete für ihn „die Suche nach einer besseren Welt“. Und Fantasie bewies er allein schon beim Fragenstellen von der Art: „Wollen die Reichen wirklich bis in alle Ewigkeit die Welt von der Höhe ihrer Privilegien herab beherrschen?“

Am Ende seines Lebens blickte er zurück und dachte: „Die Welt ist pervers, und das Leben ist kein Scherz.“ Vor allem aber ein Kampf für Gleichheit. „Denn das Leid der anderen ist auch unser Leid, und wir sind Teil der Welt“, so Niemeyer. „In allen Fällen ist das Ergebnis immer das gleiche: Am Ende tritt man ab. Das Leben vergeht im Flug. Deshalb muss man es anständig hinter sich bringen.“

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Bis zuletzt dachte er über die Welt nach, über die Armut der Menschen, ihren Mangel an Perspektiven und das Elend, dem man überall begegnet. „Doktor Oscar“ war überzeugt: „Die Armen müssen weniger arm und die Reichen weniger reich werden. Ist es wirklich so schwer zu begreifen, dass auch die Armen und Ausgeschlossenen den legitimen Wunsch hegen, am Aufbau der Gesellschaft teilzunehmen und nicht an den Rand gedrängt zu werden?“

Gerade für die jungen Menschen von heute in dieser krisengeschüttelten Welt „stellt sich die Forderung nach Solidarität und Gleichheit besonders dringend“, so Niemeyer. „Sie müssen begreifen, dass sie alle Brüder sind, dass keine Vorurteile gelten dürfen und sie zusammen- statt gegeneinander arbeiten müssen.“

Und was war das Geheimnis seines langen Lebens? „Maß halten beim Essen, ohne auf ein gutes Glas Wein zu verzichten. Wenn man vom Tisch aufsteht, sollte man immer noch ein wenig hungrig sein.“