Kultur

Keith Jarrett: Als ob der liebe Gott Klavier spielt

Spielerisch und pittoresk, trotzdem mächtig wie Pop, singend in den Melodien: "The Köln Concert" des Jahres 1975 – mehr als 3,5 Millionen Mal verkauft – ist das erfolgreichste Solo-Album der Jazzgeschichte. Ein neuer Sound war geboren. Obwohl damals alles schiefging, was nur schiefgehen konnte.

Und wer Keith Jarrett auf dieses Ereignis anspricht, das damals kurz vor dem Absage stand und doch bis heute als Synonym für eine Magie der Töne steht, riskiert mindestens eine unwirsche Reaktion des Pianisten.

Das musste auch Wolfgang Sandner erfahren: Der Autor und Musikwissenschaftler widmet sich nach seiner Miles-Davis-Biografie einem "der schöpferischsten Musiker unserer Zeit", der vom anfänglichen Wunderkind mit Vorliebe für Bach zum Großmeister der Improvisation wurde. Für den Ballast abzuwerfen, sich frei zu machen und aus dem Nichts etwas zu entwickeln "jedes Mal wie ein Geschenk" ist.

Kapriziöse Kult-Figur

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Da vermittelt Sandner als bekennender Fan journalistisch gekonnt und als Kenner der Musikszene kompetent Details aus der Karriere des öffentlichkeitsscheuen und zurückgezogen in der Nähe vonNew Yorklebenden Musikers. Mehr aber noch seine Musik. Denn im Vordergrund steht die Analyse vieler Platten, Stück für Stück.

Das ist auch das Dilemma des Unternehmens: Einerseits mag der oft kapriziöse und kauzige Jarrett nicht gern über Privates Auskunft geben. Andererseits ist der von der Musik Besessene auch nicht sonderlich an Erklärungen seiner Kunst interessiert. Das macht’s für den Biografen, der den Pianisten über viele Jahre auch in seinem Privathaus immer wieder traf , bis man sich zerstritt, schwierig.

Also erzählt er ganz nebenbei auch viel über das Label, das die ganze Welt als ECM-Jazz identifiziert. Und über seinen Schöpfer Manfred Eicher, der nach dem Motto "the most beautiful sound next to silence" Maßstäbe gesetzt hat. Der die meisten Aufnahmen des Starpianisten produziert und ihn zum Stoßseufzer provoziert hat: "Oh, Manfred, Manfred! Er kann so nerven. Was für ein Dickkopf. Aber was für großartige Ohren!"

Genie Miles Davis soll Jarrett gefragt haben: "Keith, wie fühlt man sich als Genie?"

Aber der ewig Unzufriedene sagte über sein Werk, das er sich in den 90er-Jahren, während er an einem chronischen Erschöpfungssyndrom litt, immer wieder anhörte, vor einigen Jahren: "Wenn das mein Beitrag zur musikalischen Entwicklung, zur Geschichte des Jazz ist, dann ist es nicht genug."

Egal. Die Lektüre macht so oder so große Lust auf ein Wiederhören von Keith Jarretts konservierten Improvisationen. Etwa seinen Jazzstandard-Improvisationen auf "The Melody at night with you", als handele es sich um Schubert ...

KURIER-Wertung: