Kultur

"Finale Berlin": Was in einem Schrei alles steckt

Soll man jetzt g’scheiter, origineller sein als der (im Februar zum Sterben in die Schweiz gefahrene) Berliner Literaturkritiker Fritz J. Raddatz?

Von ihm stammt – eine seiner letzten herausragenden Arbeiten – das Nachwort der Neuausgabe von "Finale Berlin" ... dem vergessenen Bestseller des Jahres 1947.

Raddatz nennt ihn ein "Schwarzbuch der Schande".

Der frühere Feuilleton-Chef der Zeit, der sich 83-jährig mit der Bitte verabschiedete, man möge seine Asche nach Sylt bringen, hatte im Roman einen "auf Papier gedruckten Film" gesehen.

Einen Polit-Thriller mit einer Titelmelodie, die den Hass des Bankangestellten und Schriftstellers Heinz Rein (1991) auf die Nazis sowie dessen Entsetzen über den Endkampf ausdrückt.

Wasserleichen

Ein Schrei ist das Buch, und zum Teil derart gute, schneidende dokumentarische Literatur, dass man sich wundert, was in einem Schrei alles stecken kann.

Alle Inhalte anzeigen

Etwa an jener grauenhaften Stelle im Buch: In den Tiefen des Anhalter Bahnhofs stehen im April 1945 Frauen, Kinder und Greise eng gedrängt. Die Herzen trommeln, die Augen flackern. Oben tobt die Schlacht, es brüllen die Kanonen – und plötzlich der Ruf: "Wasser!"

Wasser kommt durch den Tunnel geschossen. Weinen, wahnsinniges Lachen, Gebete. Wohin soll man sich retten? Frauen, Kinder und Greise schwimmen als Wasserleichen zwischen Anhalter und Stettiner Bahnhof ...

Und dann ist der Schrei "nur" Empörung. Da hat sich Heinz Rein nicht viel um Stil und Dramaturgie gekümmert, sondern er hat diskutieren lassen, seitenlang.

Da hat er sein gutes, sein mutig gegen den Krieg eingestelltes Personal – Deserteur, typischer Kneipenwirt, Arzt, Gewerkschafter – wohl ausruhen lassen, damit sie alle die mehr als 700 Romanseiten durchhalten.

Die Unmittelbarkeit der Straßenkämpfe und Bombenabwürfe war Heinz Rein wichtig; und die Unmittelbarkeit der Idiotie, in der verstümmelten Stadt noch immer "für den Führer" schießen zu wollen.

In Berlin und auch in Wien, wo SS und Soldaten Barrikaden bauten. Als jemand trotzdem am Stephansdom die weiße Fahne hissen konnte, notierte Propagandaminister Goebbels in Berlin: "Das haben wir vom sogenannten Wiener Humor ..."

KURIER-Wertung: