Kultur

Späte Chance auf Entdeckung

Die Bemerkung ist ja fast langweilig, weil sie so oft zutrifft, aber: Seit Elfriede Gerstls Tod (2009) merkt man erst, was man an ihr gehabt hat.

Die Chance, sie zu entdecken, war noch nie so gut wie jetzt: Der Grazer Droschl Verlag legt das Gesamtwerk der Dichterin in vier Bänden auf. Band zwei wurde eben veröffentlicht.

Er passt ausgezeichnet neben H. C. Artmann und Jandl, aber auch zu Altenberg, Polgar und Friedell.

Behütet

Flüchtig war Elfriede Gerstl. Auf der Flucht.

In Wien versteckte sich die Tochter eines jüdischen Zahnarztes mit ihrer Mutter 1942– 1945 in verschiedenen Wohnungen; auf Zehenspitzen schlich man von hier nach dort.

Und danach, bis 1979, konnte sie sich keine Wohnung leisten. Die Gemeinde bestimmte, sie habe keinen Anspruch. Mit dem ersten kleinen Literaturpreis mietete sie 47 Quadratmeter.

Der zweite reichte für den Einbau einer Dusche.

Einladend war dieses Quartier allerdings nicht. Sie flüchtete oft ins Kaffeehaus.

Waren es ihre großen Hüte, die jahrzehntelang die Sicht auf ihr schriftstellerisches Werk verstellt haben?

(„Wissen Sie, dass’ einen Männerhut aufhaben?“ – „Freilich. Macht denn das was?“ – „Dass’ Ihnen net schämen!“ Schwer war ein behütetes Frauenleben im Wien der 70er-, 80er-Jahre ...)

Auf Flohmärkten kleidete sich Elfriede Gerstl ein, um Geld zu sparen. Daraus entwickelte sich eine Sammelleidenschaft.

Vor wenigen Tagen erst wurde in Wien ihr Gewand versteigert.

Leise

Oft hatte sich ihre Freundin, die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, geärgert: „Es gibt sie nicht, die Dichterin, und es gibt, obwohl einige kleine Bände mit Gedichten und Prosa erschienen sind, auch ihr Werk nicht ...“

Ein leiser Mensch war sie. Beim Reden, beim Vorlesen ... Sie machte sich klein, wie im Krieg als U-Boot. Auch unter den männlichen Dichterkollegen der Wiener Gruppe um Konrad Bayer und Oswald Wiener hatte Elfriede Gerstl zu schweigen gelernt.

Das waren ja lauter Genies, logischerweise.

Im kleinen aber war sie groß. Ihre Lyrik durfte nicht nach G’scheitsein riechen, sondern nach Tabakrauch oder Käse. Lachen durften ihre Zeilen – etwa, wenn sie Sprichwörter verwandelte:

„stetes vögeln höhlt den stein“

„wenn zwei vögeln freut sich der dritte“

Zornig und feministisch sein durften ihre Texte – etwa, wenn Gerstl den Machtanspruch der Ärzteschaft durch oft gehörte Zitate dokumentierte:

„weg mit dem uterus, sag ich, sie brauchen doch gar keinen mehr“

„wenn sie den zahn behalten wollen, können sie gleich wieder gehen – wir ziehen nämlich nur“

Gelassen

Man sieht: Fürchten muss sich kein Leser vor ihren Gedichten und ihren kurzen Essays über Mode und den Literaturbetrieb.

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Ehe sie ab 1999 doch noch gewürdigt wurde (Erich-Fried-Preis, Theodor-Trakl-Preis), hatte Elfriede Gerstl die Wahl: sich zu grämen wegen des Übersehenwerdens; oder gelassen zu sein und aufschreiben zu können, was sie wollte.

Genau das lag ihr viel mehr, und so liegt ein Werk vor, das vom Massentourismus handelt und von der vergifteten Natur, aber auch von Ärschen und Leberkäs. Auf den früheren US-Präsidenten Bush reimt sich die Wiener Freundlichkeit „gusch“, und über die Liebe steht geschrieben:

„i brauch kan herzinfarkt

i brauch kan tripper

i brauch nur eine krankheit auf der welt

und die bist du“

KURIER-Wertung: ***** von *****