Kultur

Das Finale der großen Fünf

Morgen, Dienstag, dem Vorabend der Wiener Buchmesse, wird um 19.30 Uhr der Österreichische Buchpreis vergeben. Zum ersten Mal.

Beim Deutschen Buchpreis dürfen Österreicher mitmachen (zwei waren kürzlich im Finale), beim Österreichischen Buchpreis nur Österreicher bzw. Autoren/Autorinnen, die seit mindestens drei Jahren hauptsächlich in Österreich leben. Es geht um 20.000 Euro.

Nicht die Auswahl soll kritisiert werden – wieso war denn Heinrich Steinfest mit "Das Leben und Sterben der Flugzeuge" nicht einmal im Halbfinale der zehn Titel? Schreibt er zu verrückt? Verrückter als die Welt?

Nur die fünf zuletzt Nominierten sollen vorgestellt werden; kurz, behutsam ...

Friederike Mayröcker: "fleurs" (Suhrkamp, 23,60 Euro)

Die große Favoritin. Wer will der Lyrikerin wenige Tage vor ihrem 92. Geburtstag den Preis verwehren? Der Nobelpreis wäre ja auch eine Möglichkeit gewesen … Blumen, Blüten, die Luft ist lau in "fleurs" – und die Verzweiflung trotzdem groß. Seelenmensch Ernst Jandl ist vor 16 Jahren gar nicht gestorben, weil unvergessen und in den meisten Gedichten spürbar. Papier und Stift liegen seit Jahrzehnten griffbereit neben dem Bett. Friederike Mayröckers Leben ist Sprache geworden. Schreiben = Erglühen. Die Dichterin aus Wien-Margareten reißt mit Worten den Himmel auf.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Punkt

Peter Henisch: "Suchbild mit Katze" (Deuticke Verlag, 20,60 Euro)

Auf dem Weg zum großen Roman über (s)ein Jahrhundert ist Henisch für Erinnerungen an seine Kindheit kurz stehengeblieben. Der 73-Jährige schaut aus dem Fenster und ist plötzlich sieben, wenn er auf die Scherenschleifer und Musikanten blickt. Und auf Friedi, die Tochter der Hausmeisterin. Es riecht nach Sidol und Einbrennsuppe. Schreibt er über Wien und seine Familie, ist Henisch aufmerksam, einfühlsam – einfach schön.

KURIER-Wertung: ****

Sabine Gruber: "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" (C.H.Beck Verlag, 22,60 Euro)

In der ORF-Bestenliste – eine größerer Jury als beim Buchpreis entscheidet monatlich – lag die in Wien lebende Südtirolerin mehrmals auf Platz 1. Ein alt gewordener Kriegsfotograf begibt sich auf die schlimmste Reise: in seine Vergangenheit. Dazu gehört das Sterben im Mittelmeer, in Tschetschenien, Afghanistan, im Irak. War er zu nahe? Zu distanziert? Sabine Gruber braucht keine Kamera, sie erzählt die Bilder.

KURIER-Wertung: *****

Anna Mitgutsch: "Die Annäherung" (Luchterhand Verlag, 23,70 Euro)

Die persönliche Favoritin. Langsam könnte klar werden, welcher Schatz in Linz zu Hause ist. Anna Mitgutsch löst Gefühle aus, deren Namen man gar nicht kennt. "Die Annäherung" sind Annäherungen ... an den Tod, an ein mutiges, selbstbestimmtes Leben und vor allem eine Annäherung zwischen Vater und Tochter. Vom nahenden Ende her wird das Leben angeschaut, mitsamt Liebe, Sehnsucht und Ohnmacht vor dem Uneingelösten. Mitgutsch öffnet Herz und Hirn.

KURIER-Wertung: *****

Peter Waterhouse: "Die Auswandernden" (Grafik von Nanne Meyer, starfruit publications, 28,80 Euro)

... ist auf thalia.at nicht zu finden. Das spricht aber wirklich nicht gegen Waterhouse. Fein, dass sich die Jury über dieses Kunstwerk traute. 14 große Auszeichnungen, darunter der Große Österreichische Staatspreis, stehen auf der Liste, aber nicht gar so viele Leser. Mayröcker nannte Waterhouse – Vater war britischer Offizier – "Himmelskind der Poesie": Gemeinsam mit einer Frau, die aus dem Kaukasus flüchtete, liest er ein Informationstaferl im Einsiedlerpark (nahe bei Mayröckers Wohnung übrigens). Sprache und Flüchtlingsdramen verschmelzen: Jemand wurde von der Polizei betreten. Ist das Betreten denn immer verboten? Bei Waterhouse ist es erwünscht.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern