Kultur

Dan Brown: Wer wird den Kopfhörer spielen?

Seine Mutter, sie starb kürzlich, war eine sehr religiöse Frau. Freunde sagten oft zu ihr: Du musst deinen Sohn stoppen, solches Zeug zu schreiben.

Sie antwortete: Wenn allein schon seine Thriller euer Vertrauen in Gott erschüttern können …

Dabei kannten sie alle noch nicht "Origin", Dan Browns soeben weltweit erschienenen siebenten Streich.

Dass der Amerikaner seine früheren Kirchenthriller wiedergekäut hat, mag ja stimmen. Aber noch nie kamen so klar und deutlich seine Gedanken zur Religion zum Vorschein:

1. Wir brauchen keinen Gott.

2. Gott sei mit euch.

(Er steckt selbst in der "agnostischen Phase, aber ich gebe zu, ich bin verwirrt ...")

Palmarianer

Der Inhalt, sehr grob zusammengefasst: Ein berühmter Computerwissenschaftler und Zukunftsforscher will vor der Weltöffentlichkeit den Beweis erbringen, dass Religionen Unsinn sind.

Er wird von einem Mann mit Rosenkranz in der Tasche erschossen.

Ein Auftrag des Bischofs? Von der katholischen Sekte der Palmarianer? Die Opus- Dei-Priester lässt Dan Brown diesmal jedenfalls in Ruhe.

Im Guggenheim-Museum von Bilbao geschieht das Attentat, und wie schon in Florenz ("Inferno") gibt das dem Autor mit seinen insgesamt 200 Millionen verkauften Büchern viel Gelegenheit, einen Museumsführer zu schreiben.

Dan Brown ist ein Meister, aufkeimende Spannung zu zerstören, z.B. indem er von helikoiden Säulen berichtet oder von unregelmäßiger Geometrie, auch das Wort "Amalgamierung" – sinnlos ins dicke Buch gedruckt – sorgt für unerwünschte Beruhigung. Das plötzlich eingestreute "bikamerale Bewusstsein" sowieso.

Wir schweifen ab.

Edmond Kirsch hat also das Museum für seine Präsentation gemietet. Er fängt an, die Fragen zu beantworten: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Fundamente aller Religionen will er zerschmettern. Der Killer aus den Reihen der spanischen Marine hat sich gut versteckt.

Im Publikum, man ahnt es bereits, steht der Held und Harvard-Professor Robert Langdon. Kirsch war einst sein Vorzugsschüler. Viele 100 Seiten lang wird Langdon nun versuchen, das Passwort Kirschs für den Computer herauszufinden, eh nur 47 Buchstaben, um das Vermächtnis wenigstens online stellen zu können.

Der Killer jagt ihn, ja, er treibt ihn in Barcelona sogar an einen selbstverständlich "gähnenden" Abgrund. (Dan Brown mag Eigenschaftswörter. Es ist so vieles schrecklich, entsetzlich ...)

Die Museumsdirektorin, nebenbei Verlobte des spanischen Kronprinzen, begleitet ihn auf der Reise. Am Ende werden tatsächlich wissenschaftliche Antworten verkündet, Ursuppe und so.

Größte Hilfe ist – ein Kopfhörer. Künstliche Intelligenz als Stimme im Ohr, die weiß, was zu tun ist. In der kommenden Verfilmung wird es nicht einfach sein, den Kopfhörer gut ins Bild zu bringen. Wer soll ihn denn spielen? Vielleicht hat Christopher Waltz Zeit.


Dan Brown:
Origin
Übersetzt von Axel Merz.
Lübbe Verlag.
670 Seiten.
28 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern