Kultur

Conchita: Die vielen Metamorphosen des Tom Neuwirth

Das war im heißen Sommer 2006. Unter den Tausenden Bewerbern um die Aufnahme in die ORF-Casting-Show Starmania 3 stand ein schmächtiger 17-jähriger Bub aus Bad Mitterndorf und sang in voller Verinnerlichung „All By Myself“ von Eric Carmen. Richtigerweise konnte er in seiner Interpretation den Grad der Emotionalität stufenweise aufbauen und erreichte als Reaktion bei einem Teil der Jury den so seltenen Wow-Effekt. „Das ist er, den müssen wir haben !“

Und zu Thomas Neuwirth, so hieß der Kandidat, meinte Ihr Autor in einer Pause: „Thomas, das war sehr gut, aber doch ,too much‘. Zeig nur 80% und lebe von den 20%, die Du nicht zeigst . Damit bekommst Du auch mehr Leichtigkeit und Souveränität“. Das hat er nicht verstanden. Er wurde Zweiter der Staffel. Zwei Jahre später der Vorschlag: „Du bist für die Bühne geboren! Mach doch eine Ausbildung zum Musicalsänger. Dort lernst Du das Handwerk und bekommst die nötige Stimmausbildung.“ Seine Antwort: „Nein, danke! Das kann ich alles schon“.

Das nennt man wohl Selbstüberschätzung oder womöglich Selbstsicherheit ? Mitnichten, fehl gedacht.

Er mutierte zur bärtigen Conchita Wurst – der Rest ist Showgeschichte. Nach dem Sieg beim Song Contest konnte er seinen sehnlichen Wunsch, als Popstar zu gelten und einen Grammy zu kassieren, nicht realisieren. Schuld daran sind auch ein unerfahrenes, überfordertes Management und die beharrliche Beratungsresistenz des Künstlers. Auf seinen „Ehrenrunden“ quer durch Europa und Australien sammelte er lieber Vielfliegermeilen, statt sich eingehend mit der Suche nach Songmaterial und Produzenten zu beschäftigen. Das Repertoire fehlte .

Wie oft soll man "Rise Like A Phoenix" hintereinander singen? Tom ist es hoch anzurechnen, dass er mit seiner Kunstfigur par excellence eine allseits beachtete Celebrity-Ikone für den Toleranzgedanken geschaffen hat. So wurde er eigentlich zum Popstar – und nicht weil er singt.

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Seine Gegner disqualifizierten sich selber: Alf Poier beschwerte sich, H.C. Strache empörte sich gegen die Entsendung zum Song Contest und Polens Jaroslaw Kaczynski sah in ihm gar den „Verfall des modernen Europa“.

Heute, Samstag, Abend hat er im ausverkauften Wiener Konzerthaus seinen Auftritt mit den Wiener Symphonikern. Im Repertoire: Coverversionen oder Songs, die zu ihm halbwegs passen. An leisen Stellen wird er auch sicher berühren. Für die hohen Tönen bräuchte er konstante Stimmausbildung. Mit einer tieferen Stimmlage wäre er besser bedient.

Heute wird auch sein neues Album „From Vienna With Love“ mit den Symphonikern veröffentlicht. Aber nächstes Jahr ist Schluss mit der Bezeichnung Conchita Wurst. Fortan bitte nur mehr „Conchita“. Er wollte mit seiner Band durch Clubs in Deutschland touren. Nun rächt sich schmerzlich der Hitmangel. Alle Konzerte in Deutschland wurden vom Veranstalter abgesagt. Das Publikum liebt Glamour und erstklassiges Entertainment. Tom Neuwirth könnte dieses Segment bedienen. So gesehen ist er beim Orchester-Konzept besser aufgehoben, obwohl seine neue Single „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef nicht einmal ansatzweise berührt. Radiostationen verweigern das Airplay. Hoffentlich wird sein Weg zur Selbstfindung nicht zur Selbstzerstörung seiner ursprünglichen Marke.