Kultur/Buch

Renia Spiegel, die "polnische Anne Frank"

Als der aus Polen stammende New Yorker Kinderarzt Dr. Zygmunt Schwarzer in Pension ging, richtete er im Keller seines Hauses einen eigenen Raum für das Tagebuch seiner einstigen Freundin Renia Spiegel ein.

Die Kopien der 700 rot linierten Seiten hütete er wie einen Schatz.

Noch 1989 notierte er, 47 Jahre „danach“: „Dank Renia war ich zum ersten Mal im Leben so sehr und wahrhaftig verliebt ... Es fällt mir schwer auszudrücken, wie sehr ich sie geliebt habe – und so wird es für immer bleiben ...“

Verraten

Renias Original-Tagebuch hatte er beschützt, im Krieg und im KZ, wo der Widerstandskämpfer inhaftiert war. 1950 konnte es an Renias Mutter in den USA übergeben werden.

Da lebte Renia längst nicht mehr: 1942 hatte die Gestapo Renia in Przemyśl erschossen.

Sie war Jüdin, ihr Versteck außerhalb des Gettos – das ihr Zygmunt organisiert hatte – wurde verraten. Sie war 18.

Die Mutter sperrte das Tagebuch weg, nach ihrem Tod fand es Renias jüngere Schwester Ariana. Auch sie war unfähig, es zu lesen. Die Erinnerung war zu schmerzvoll, sie bewahrte die zusammengebundenen Hefte zunächst im Banktresor auf.

Aber jetzt geht Renias Tagebuch um die Welt.

Naheliegend, dass man Renia Spiegel „die polnische Anne Frank“ nennt.

Anne war, schon mit 14, Schriftstellerin.

Renia war Dichterin.

Anne Frank schrieb – 1942 bis 1944 – analytischer. Sie studierte Charaktere kritisch und wagte sich an schwierigste Themen wie Religion, Gott, Sexualität, Einsamkeit ...

Kurz vor ihrer Entdeckung überarbeitete sie alle ihre Texte, denn sie hatte vor, sie nach dem Krieg zu veröffentlichen.

Renia Spiegel war etwas älter. Sie begann mit dem Schreiben, bevor die Deutschen in Przemyśl das Kommando übernahmen.

Und sah im Tagebuch kein Werk der Literatur. Sondern „nur“ einen Freund, dem sie zum Beispiel den ersten Kuss von Zygmunt anvertraute. Es ist deshalb spontaner, gefühlvoller, privater, flehend, unbehauen.

Alltag und Krieg sind selten im Mittelpunkt, einmal bedauert sie die verwundeten deutschen Soldaten.

Renia reitet auf Libellen, beklagt, dass der Frühling zu wenig frühlingshaft ist, trägt ihr Herz im Knopfloch wie eine Blume im März.

„Ich will leben und sehen, wie aufrechte Frauen

Ministerinnen sind und Matrosen

Pilotinnen in langen Hosen (...)

Ich will an allen Tagen im Vergnügen baden

Ich will Gedichte schreiben und ...

einen Geliebten haben!“

Sie war 16, als die dasschrieb, 7. November 1940.

Und wer – bitte, bitte – schreibt einen Roman über Dr. Zygmunt Schwarzer, geboren 1923 in der polnischen Ortschaft Jaroslaw, gestorben 1992 auf Long Island?

Renia Spiegel:
„Tagebuch
1939 – 1942“
Übersetzt von Joanna Manc.
32 Seiten Bildteil. Schöffling Verlag.
480 Seiten. 26,80 Euro

KURIER-Wertung: ****